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September 1981 107. Jahrgang Nummer 9 



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Veröffentlichung 

der Kirche Jesu Christi der 

Heiligen der Letzten Tage 



September 1981 
107. Jahrgang 
Nummer 9 



Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney. 

Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, LeGrand Richards, Howard W. Huntcr, 
Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton. Bruce R. McConkie. 
L. Tom Pcrry, David B. Haight, James E. Faust. 
Berater: M. Russell Ballard. Rcx D. Pinegar, Charles A. Didier. George P. Lee. 

Internationale Redaktion: M. Russell Ballard. Larry A. Hiller, Carol D. Larsen, Connie Wilcox, 
Roger Gylling. 

Der Stern: Übersetzungsabteilung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 
Im Rosengarten 25b, D-6368 Bad Vilbel, Telefon 06193/64017 und 64018. 

Nachrichtenredaktion: Holger G. Nickel. Im Rosengarten 25b, D-6368 Bad Vilbel, 
Telefon 06193/64056. 



INHALT 

Präsident Kimball zum Thema Fluchen 1 

Der Klatsch - eine Schlinge des Teufels. Gene R. Cook 6 

Gesund bleiben - Vorschläge vom Wohlfahrtsdienst 8 

Ich bin nicht mehr dieselbe - und meine Ehe auch nicht 15 

Wie soll ein Führer in der Kirche sein? Mark E. Petersen 18 

Im Februar komme ich zur Welt. Florence B. Nielsen 26 

Raymond und der Bus. Kathleen Conger Ellis 28 

Die Antwort in der Küche. Sue Ann Crockett 30 

Ich habe eine Frage. Daniel H. Ludlow 32 

„Gebt also acht, daß ihr richtig zuhört." John A. Green 35 

Der patriarchalische Segen. LeGrand Richards 38 

Auf des Herrn Weise beten. Stephen L. Law 43 

Emilys Stolz. William G. Hartley 46 

Gesang um Mitternacht. Diana McFarland Brown 48 

Die Kuh des Nichtmormonen. Rhoda Lewis Behunin 51 

FÜR KINDER 

Hoffnung am Ende der Schnur. Andrea H. Chatwin 1 

Nachrichten aus der Wissenschaft: Kommen die Heuschrecken wieder? 

Dr. Sherwood B. Idso 4 

Lorenzo Snow (1814-1901) 8 



Jahresabonnement : 

DM 21,60 durch Einzugsverfahren (bei Bestellung durch Zweige oder Gemeinden). 

Bei Direktbestellung an Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Stadtsparkassc Frankfurt 88666, BLZ 50050102. 

sFr. 22,80 an Citibank, Genf, Konto-Nr. 0/312750/007 Kirche Jesu Christi der Heiligen 

der Letzten Tage in der Schweiz. 

ÖS 144.— an Erste Österreichische Spar-Casse. Wien. Konto-Nr. 000-81 388, 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 10.00. 

© 1981 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. 
All rights reserved. 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstraße 5-7. 
D-6000 Frankfurt am Main 50. 



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Botschaft von der Ersten Präsidentschaft 



Präsident Kimball 
zum Thema 



FLUCHEN 




Als ich einmal im Krankenhaus aus 
dem Operationssaal geschoben 
wurde, stolperte der Krankenpfleger 
und stieß im selben Atemzug mit dem 
Namen des Erretters ein paar abscheuli- 
che Flüche aus. Ich war zwar nur halb 
bei Bewußtsein, doch mich schauderte, 
und ich bat ihn: ,, Bitte! Das ist der Name 
meines Herrn, den Sie da in den Schmutz 
ziehen!" 

Es folgte Totenstille; dann hörte ich eine 
unterdrückte Stimme flüstern: „Ent- 
schuldigung." Er hatte im Augenblick 
vergessen, daß der Herr seinem ganzen 
Volk nachdrücklich geboten hat: ,,Du 
sollst den Namen des Herrn, deines 
Gottes, nicht mißbrauchen" (Ex 20:7). 
Viele wollen ihr Fluchen damit entschul- 
digen, indem sie sagen, die Zehn Gebote 
seien vor Jahrtausenden einem Volk in 
einem ganz anderen Erdteil gegeben 
worden. Wir dürfen aber eins nicht 
vergessen: Der Herr hat sie nicht nur den 



Israeliten mit Nachdruck gegeben, son- 
dern er hat sie in der Zeitenmitte gegen- 
über den Juden betont und sie sogar in 
unserer eigenen Evangeliumsausschüt- 
tung wiederholt — zu unserem Nutzen 
und zu unserer Führung. 
Dem jungen Mann in Jerusalem, der 
nach dem Weg zur Errettung fragte, 
antwortete Christus: „Wenn du das Le- 
ben erlangen willst, halte die Gebote!" 
(Mt 19:17.) 

„Welche?" fragte der wißbegierige junge 
Mann, und der Herr führte ihm die Zehn 
Gebote an. Sie hatten immer noch Gül- 
tigkeit. 

Der Apostel Paulus klagt die Menschen 
an, die fluchen: „Ihre Kehle ist ein 
offenes Grab, mit ihrer Zunge betrügen 
sie; Schlangengift ist auf ihren Lippen. 
Ihr Mund ist voll von Fluch und Gehäs- 
sigkeit" (Rom 3:13, 14). 
Und auch Jakobus prangert das Böse 
an: 



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,,Die Zunge kann kein Mensch zähmen, 
dieses ruhelose Übel, voll von tödlichem 
Gift. 

Aus ein und demselben Mund kommen 
Segen und Fluch. Meine Brüder, so darf 
es nicht sein" (Jak 3:8, 10). 
In der jüngsten Evangeliumsausschüt- 
tung hat uns der Herr gewarnt: 
„Darum sollen alle Menschen sich in 
acht nehmen, wie sie meinen Namen in 
den Mund nehmen. 

Denn siehe, ich sage: Es sind viele, die 
unter Schuldspruch stehen, weil sie den 
Namen des Herrn gebrauchen und ihn 
unnütz gebrauchen, da sie keine Voll- 
macht haben" (LuB 63:61, 62). 
Trotzdem hören wir, wie die verschiede- 
nen Namen Gottes ohne Ehrfurcht aus- 
gesprochen werden — sei es auf der 
Straße, in der Öffentlichkeit, bei der 
Arbeit oder bei gesellschaftlichen Anläs- 
sen. Wenn wir ausgehen und uns unter 
die Leute mischen, sind wir erschüttert 
darüber, daß die Gotteslästerung so all- 
gemein akzeptiert wird. Man hört derlei 
von der Bühne, von der Leinwand, vom 
Bildschirm und aus dem Radio. Wir 
können uns vorstellen, wie Lot sich 
gefühlt haben muß, ,,der unter dem 
ausschweifenden Leben der Gottesver- 
ächter litt", wie Petrus berichtet (2 Petr 
2:7). 

Wir fragen uns: Wenn sich jemand 
schon sonst weigert, Gottes Willen zu 
tun, warum ist er noch zusätzlich geistig 
so abgestumpft, daß er seine Fähigkeit, 
sich zu verständigen, immer mehr ver- 
kümmern läßt und sich einer derben und 
gotteslästerlichen Sprache bedient? 
Sprache ist wie Musik — an beidem 
erfreut uns die Qualität, die Vielfalt und 
Schönheit. Schon wenige Mißklänge 
können sehr peinlich wirken. 
Vor kurzem nahm ich ein Buch zur 




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Wer sich einer 

gotteslästerlichen und derben 

Sprache bedient, ist geistig 

abgestumpft. 



Hand, das große Verbreitung gefunden 
hat. Es wird in den höchsten Tönen 
gelobt und ist ein Bestseller, doch die 
gotteslästerlichen und vulgären Dialoge 
darin ließen mich erschauern. Die Art 
und Weise, wie die Charaktere dieses 
Buches den heiligen Namen Gottes miß- 
brauchen, stieß mich ab. Warum ist das 
so? Warum verkaufen sich die Autoren 
so billig und entheiligen ihr gottgegebe- 
nes Talent? Warum lästern sie Gott und 



fluchen? Warum nehmen sie den Namen 
ihres Schöpfers in den unheiligen Mund 
und lassen ihn aus ihrer Feder fließen — 
den heiligen Namen ihres Erlösers? 
Warum setzen sie sich über sein unmiß- 
verständliches Gebot hinweg? 
,,Du sollst nicht falsch bei meinem Na- 
men schwören; du würdest sonst den 
Namen deines Gottes entweihen. Ich bin 
der Herr" (Lev 19:12). 
,, Prahlt denn die Axt gegenüber dem, 
der mit ihr hackt?" (Jes 10:15.) 
Als ich einmal im Autobus unterwegs 
war, stieg eine Gruppe junger Basket- 
ballspieler zu. Sie überboten sich gegen- 
seitig im Fluchen. Vielleicht hatten sie 
das von älteren Männern gelernt, mit 
denen sie beisammen gewesen waren. 
Ich weiß, daß ihnen die ganze Tragweite 
ihrer Worte nicht bewußt war. 
Ein paar junge Leute hatten ihr Auto am 
Strand festgefahren. Es steckte tief im 
Sand, und sie konnten es auch mit 
vereinten Kräften nicht freibekommen. 
Ich bot meine Hilfe an, doch ihre wider- 
wärtige Sprache vertrieb mich, und ich 
ging fort. 

Vor einiger Zeit war ich in San Francisco 
im Theater. Das Stück war schon lange 
in einem New Yorker Theater gelaufen 
und wurde allgemein gepriesen. Doch 
die Schauspieler — sie waren unwürdig, 
dem Herrn auch nur die Schuhe aufzu- 
schnüren - - beschmutzten seinen heili- 
gen Namen mit ihrer gemeinen, vulgä- 
ren Redeweise. Sie redeten die Worte 
eines Autors nach — Worte, die den 
heiligen Namen ihres Schöpfers läster- 
ten. Das Publikum lachte und applau- 
dierte, und indem ich an den Autor, die 
Schauspieler und das Publikum dachte, 
hatte ich das Gefühl, daß sie alle an dem 
mitschuldig waren. Mir kam die Stelle 
im Buch der Sprichwörter in den Sinn, 



wo verurteilt wird, wer mit dem Bösen 
Nachsicht übt. 

„Wer mit dem Dieb teilt, haßt sich 
selbst, er hört die Verfluchung, doch er 
macht keine Anzeige" (Spr 29:24). 
Sei es im Theater, sei es am Telefon — 
empfindliche Ohren und Augen werden 
tagtäglich durch die unnötige und läster- 
liche Verwendung des Namens unseres 
Herrn und Gottes beleidigt. Im Gast- 
haus, auf dem Feld, in Gesellschaft, in 
Geschäftskreisen und wohin auch im- 
mer wir den Blick wenden, werden die 
verschiedenen Namen unseres Erlösers 
auf anmaßende und sündhafte Weise 
gebraucht. Wenn wir gedankenlos und 
sorglos reden, wenn wir mit böser Ab- 
sicht und aus Trotz sprechen, so dürfen 
wir eins nicht vergessen: Wir können den 
Namen des Herrn nicht ungestraft miß- 
brauchen. Wenn wir alles Heilige in den 
Schmutz ziehen und die verschiedenen 
Namen Gottes tagtäglich auf gemeine 
und ehrfurchtslose Weise in den Mund 
nehmen, fordern wir dann nicht letztlich 
unsere eigene Vernichtung heraus? 
Der Herr hat gesagt, daß wir für unsere 
unanständige Sprache Rechenschaft ab- 
legen müssen. Meine jungen Freunde, 
ich will doch annehmen, daß ihr keine 
unanständigen Worte gebraucht. Das 
wäre eine Schande. Unanständigkeit, 
die auf andere Eindruck machen soll, 
hat in Wirklichkeit auf den Hörer wie 
auf den Sprecher einen deprimierenden 
Effekt. Wenn die Menschen Unanstän- 
digkeit als ein Zeichen von Schwäche, 
nicht von Stärke und Mannestum sehen 
könnten, als dumm und nicht als welt- 
männisch, so würden sie auch die Stärke 
Jesu Christi klarer erkennen, des ehrlich- 
sten und anständigsten Menschen, der je 
auf Erden gelebt hat. 
Es ist etwas Furchtbares, wenn ein 




Mensch den Namen Gottes respektlos 
gebraucht. Das schließt auch ein, daß 
man den Namen des Herrn nicht ohne 
Vollmacht in den Mund nehmen darf — 
und doch gibt es viele, die vorgeben, sie 
hätten Offenbarungen und Vollmacht, 
während sie diese gar nicht direkt vom 
Herrn haben. 

Zu allen Zeiten haben die Propheten 
diese schwere Sünde gerügt. Der Pro- 
phet Jesaja hat diejenigen zur Rechen- 
schaft und Umkehr gerufen, die „beim 
Namen des Herrn schwören und sich 
bekennen zu Israels Gott, aber nicht 
offen und ehrlich" (Jes 48:1). 
Als Ijob vernahm, daß seine Söhne und 
Töchter, die Geselligkeit gern hatten, in 
ihren Häusern vergeudeten und ver- 
schwendeten, „brachte er so viele 



Brandopfer dar, wie er Kinder hatte. 
Denn Ijob sagte: Vielleicht haben meine 
Kinder gesündigt und Gott gelästert in 
ihrem Herzen" (Ijob 1:5). 
Er befand sich in großer Not. Die Kno- 
chen schmerzten ihn, sein Fleisch war 
wund, sein Herz leidgeprüft und seine 
Hoffnung fast geschwunden. Als aber 
seine Frau sagte: „Hältst du immer noch 
fest an deiner Frömmigkeit! Lästere 
Gott und stirb!", da wies der getreue 
Ijob sie mit Strenge zurecht: „Wie eine 
Törin redet, so redest du" (Ijob 2:9, 10). 
Auch George Washington hat uns ein 
gutes Beispiel gegeben. Als er erfuhr, 
daß einige seiner Offiziere zum Fluchen 
neigten, schickte er ihnen am 1 . Juli 1 776 
einen Brief, aus dem ich zitieren möchte: 
„Der General hört mit Bedauern, daß 
die törichte und schlechte Gewohnheit 
des Fluchens, die bisher in unserer ame- 
rikanischen Armee kaum bekannt war, 
zur Mode wird. Er hofft, daß die Offizie- 
re dem durch ihr Beispiel und ihren 
Einfluß entgegenwirken und daß sie und 
die Mannschaften bedenken: Wir dür- 
fen nicht hoffen, daß der Himmel unsere 
Waffen segnet, wenn wir ihn durch La- 
sterhaftigkeit und Ungehörigkeit belei- 
digen. Abgesehen davon ist dies ein so 
gewöhnliches, vulgäres Laster und es 
besteht dazu nicht die geringste Veran- 
lassung, so daß jeder Mann von Ver- 
nunft und Charakter dafür nur Abscheu 
und Verachtung übrig hat." 
Als Mitglieder der Kirche muß es uns in 
Fleisch und Blut übergehen, daß wir den 
Namen des Herrn nur ehrfürchtig ge- 
brauchen. Als gute Heilige der Letzten 
Tage rauchen wir beispielsweise nicht. 
Wir trinken nicht. Wir trinken weder 
Tee noch Kaffee. Wir nehmen keine 
schädlichen Drogen. Und wir reden 
auch keine schmutzige Sprache. Wir 



4 



fluchen und schmähen nicht. Wir miß- 
brauchen den Namen des Herrn nicht. 
Was das Vermeiden des Fluchens an- 
geht, so kann man darin leicht vollkom- 
men werden. Man verschließt einfach 
einer solchen Sprache den Mund und 
befindet sich damit in diesem Punkt auf 
dem Weg zur Vollkommenheit. 
Doch damit endet unsere Verantwor- 
tung noch nicht. Das hieße ja nur, daß 
man davon absieht, zu sündigen. Um 
aber rechtschaffen zu handeln, müssen 
wir den Namen unseres Herrn ehrfürch- 
tig und in Heiligkeit aussprechen, wenn 
wir beten, eine Rede halten oder mit 
anderen sprechen. Jesaja hat gesungen: 
,,Denn uns ist ein Kind geboren, ein 
Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft 
liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: 
Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, 
Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens" 
(Jcs 9:5). 

Jesus hat sein Leben vollkommen ge- 
macht und ist unser Messias geworden. 
Sein unschätzbares göttliches Blut wur- 
de vergossen, und er ist unser Erretter 
geworden; sein vollkommenes Leben 
wurde hingegeben, und er ist unser Erlö- 
ser geworden. Seine Sühne für uns 
macht es möglich, daß wir zum Vater im 
Himmel zurückkehren. Doch wie ge- 
dankenlos und undankbar sind die mei- 
sten Menschen, für die er das getan hat! 
Die Undankbarkeit ist eine Sünde, die es 
zu allen Zeiten gibt. 
Unzählige Menschen beteuern, daß sie 
an ihn und an seine Werke glauben, 
doch sind es nur verhältnißmäßig weni- 
ge, die ihn wirklich ehren. Millionen von 
uns nennen sich Christen, doch nur 
selten danken wir ihm auf den Knien für 
sein allergrößtes Geschenk — sein Le- 
ben. 
Wir wollen uns von neuem vornehmen, 



daß wir ehrfürchtig sind und unserem 
Herrn zeigen: wir sind für sein Opfer, 
das ohnegleichen ist, dankbar. Denken 
wir an das Gebot, das in unserer Zeit 
gegeben wurde: „Darum sollen alle 
Menschen sich in acht nehmen, wie sie 
meinen Namen in den Mund nehmen" 
(LuB 63:61). D 



Anregungen für die Heimlehrer 

j.| Erzählen Sie, wie die schmutzige 
Sprache anderer auf Sie gewirkt 
hat. Vielleicht kann auch die Fa- 
milie darüber sprechen, was jeder 
einzelne empfindet, wenn er der- 
gleichen anhören muß. 

2 Vielleicht kann die Familie eine 
der in diesem Artikel zitierten 
Schriftstellen oder eine andere 
Schriftstelle zu diesem Thema mit- 
einander lesen. 

3 Fragen Sie, was man tun kann, 
um sich das Fluchen abzugewöh- 
nen. 

z| # Präsident Kimball sagt, daß 

Sprache genauso angenehm zu hö- 
ren sein kann wie Musik. Bespre- 
chen Sie, wie wir erreichen kön- 
nen, daß unsere Sprache im Alltag 
angenehm und erhebend ist. 

5, Würde sich ein Gespräch mit dem 
Familienoberhaupt vor dem 
Heimlehrbesuch positiv auf den 
Besuch auswirken? Hat der Bi- 
schof oder der Kollegiumspräsi- 
dent dem Familienoberhaupt in 
dieser Hinsicht etwas mitzuteilen? 



DER KLATSCH - 
EINE SCHLINGE 
DES TEUFELS 





Eider Gene R. Cook 

vom Ersten Kollegium der Siebzig 



Nach und nach trafen die Leute mit 
ernster Miene vor dem Büro des 
Missionspräsidenten ein. Man wechselte 
erstaunte Blicke, und viele konnten noch 
immer nicht glauben, daß sie zu einem 
Kirchengericht vorgeladen waren. Die 
Beamten des Gerichts waren voll Liebe 
und Verständnis, doch sie meinten es 
ernst mit der Untersuchung der Ankla- 
gepunkte. Die Mitgliedschaft der Anwe- 
senden in der Kirche Jesu Christi der 
Heiligen der Letzten Tage stand auf dem 
Spiel. Sie waren nicht der Unmoral oder 



der Abtrünnigkeit angeklagt, sondern 
des Übelredens gegen ihren Nächsten. 
Ein guter Bruder war von den Leuten, 
die an jenem Abend hergekommen wa- 
ren, verleumdet worden. Man hatte ihn 
einer schweren sittlichen Übertretung 
bezichtigt. Er war absolut unschuldig, 
doch der Schaden, den ihm vermeintli- 
che Freunde zugefügt hatten, war kaum 
mehr aus der Welt zu schaffen. Wer 
kann sagen, ob er nicht fast zugrunde 
gegangen wäre? Wer kann sagen, wie 
sich die Angelegenheit auf die ganze 
Gemeinde ausgewirkt hat, wie viele Bin- 
dungen dadurch zerstört wurden? Wer 
kann die Wirkung auf die Außenstehen- 
den abschätzen, die darin verwickelt 
waren? Wer konnte den Schaden im 
Leben Hunderter Menschen wieder gut- 
machen? 

Es war so schnell geschehen. Angefan- 
gen hatte es mit einfachen Äußerungen, 
wie: 

„ Haben Sie schon gehört . . . ?" 
„Schwester Tillitsch behauptet . . . ' 
„Ich habe gehört, wie er zu ihr gesagt hat 

,,Ich kann's mir gar nicht vorstellen, 

aber ..." 

,,Die Mutter von Herrn Martini glaubt 



„Ich möchte ja nichts gesagt haben, 
doch ..." 

„Wenn ich Ihnen das sage, werden Sie es 
wohl für sich behalten ..." 
Ein englisches Sprichwort lautet: Die 
Sünde hat viele Werkzeuge, doch die 
Lüge ist der Griff, der auf alle paßt. 
Wenn Sie zu den Leuten gehören, die 
kleine Unwahrheiten nicht so schlimm 
finden, so kann es leicht sein, daß Sie 
bald nicht mehr wissen, wo eine kleine 
Unwahrheit aufhört und eine große an- 
fängt. 

Die Brüder, die zu Gericht saßen, stütz- 
ten sich auf die ausdrückliche Weisung 
des Herrn für solche Angelegenheiten. 
Durch Mose hat er zum Volk gesagt: 
,,Du sollst . . . nicht verleumden" (Lev 
19:16). Im Buch der Sprichwörter wird 
die Auswirkung des Übelredens geschil- 
dert: „Dem Toren wird sein Mund zum 
Verderben, seine Lippen werden ihm 
selbst zur Falle. Die Worte des Verleum- 
ders sind wie Leckerbissen, sie gleiten 
hinab in die Kammern des Leibes" (Spr 
18:7, 8). 

Vielleicht meint der eine oder andere, er 
könne seine Selbstachtung heben und 
die Aufmerksamkeit und Achtung ande- 
rer gewinnen, indem er falsche Gerüchte 
verbreitet; in Wirklichkeit aber wird so 
jemand zum Handlanger des Satans. 
Das Buch Mormon berichtet über die 
Zeit, bevor der Erretter in Amerika 
erschien: „Der Satan stachelte sie auf, 
beständig Übles zu tun; ja, er ging 
umher und verbreitete Gerüchte und 
Streitigkeiten überall im Land, um dem 
Volk das Herz zu verhärten — gegen das 
Gute und gegen das, was kommen wür- 
de" (He 16:22). 

Es gelang dem Satan auch, den Men- 
schen das Herz zu verhärten, denn drei- 
ßig Jahre danach, als die Schlechten 



vernichtet waren, berichtet der Prophet 
Nephi: „Der Teufel lacht und seine 
Engel freuen sich der Getöteten . . . 
meines Volkes" (3Ne 9:2). 
Und in den neuzeitlichen heiligen Schrif- 
ten wird die Warnung Gottes, daß wir 
uns in acht nehmen sollen, was wir 
reden, nicht weniger betont. Zum Pro- 
pheten Joseph Smith hat der Herr ge- 
sagt, wir sollen „sehen, daß es in der 
Gemeinde kein Übeltun gibt, auch keine 
Härte gegeneinander, weder Lügen noch 
Verleumden, noch böse Nachrede" 
(LuB 20:54). „Du sollst von deinem 
Nächsten nichts Böses reden noch ihm 
irgendeinen Schaden tun" (LuB 42:27). 
„Hört auf, miteinander zu streiten; hört 
auf, voneinander Böses zu reden" (LuB 
136:24). 

Ein jeder von uns soll vorsichtig sein, 
daß er nicht in irgendeiner Weise dazu 
beiträgt, was der Prophet Henoch vor 
Jahrtausenden in einer Vision geschaut 
hat: „Und er sah den Satan, und er hatte 
eine große Kette in der Hand, und sie 
überzog die ganze Erde mit Finsternis; 
und er schaute auf und lachte, und seine 
Engel freuten sich" (Mose 7:26). 
Mögen wir uns doch fortwährend um 
den Heiligen Geist bemühen und da- 
durch böse Gedanken und ungehörige 
Worte vertreiben, dann wird unsere gei- 
stige Gesinnung wachsen und nicht ver- 
gehen; wenn wir nämlich die Zunge 
zügeln, bekommen wir uns selbst in die 
Gewalt. D 




GESUND BLEIBEN 

VORSCHLÄGE VOM 
WOHLFAHRTSDIENST 





Frage: Ich habe von Forschungsberich- 
ten gelesen, die zeigen, die Heiligen der 
Letzten Tage seien gesünder als andere 
Bevölkerungsgruppen. Können Sie einen 
kurzen Überblick über diese Untersu- 
chungen geben? 

Antwort: Schon seit langer Zeit ergeben 
die amerikanischen Geburts- und Ster- 
bestatistiken, daß die Bevölkerung 
Utahs eine höhere Lebenserwartung hat 
als alle übrigen Amerikaner. Von den 
drei häufigsten Todesursachen in den 
USA (Herzanfall, Krebs, Schlaganfall) 
hat Utah für Herzanfall und Krebs seit 
1950 die niedrigsten Zahlen von allen 
Staaten der USA. Durch die kombinier- 
te Auswertung des gut funktionierenden 
Berichtssystems der Kirche und der 
Sterbestatistiken des Bundesstaates 
Utah konnten wir aufzeigen, daß die 
außergewöhnlich niedrigen Zahlen für 
Herzkrankheiten und Krebs in Utah fast 
ausschließlich auf die HLT-Bevölkerung 
in Utah zurückzuführen sind. Außer- 
dem ist dieser Gesundheitsvorteil für die 
aktiven Mitglieder größer als für die 
inaktiven. Eine ähnliche Untersuchung 
in Hawaii hat ebenfalls ergeben, daß 
Heilige der Letzten Tage seltener an 
Krebs oder Herzversagen sterben. 
Die Heiligen der Letzten Tage in Utah 
haben also eine höhere Lebenserwar- 
tung. Männliche Mitglieder der Kirche 
in Utah leben durchschnittlich sieben 
Jahre länger, weibliche drei Jahre länger 



als die weiße Bevölkerung der USA. Die 
erhöhte Lebenserwartung läßt sich teil- 
weise auf die Tabak- und Alkoholabsti- 
ncnz zurückführen. Verminderte Krebs- 
anfälligkeit läßt sich hingegen auch in 
Körperbereichen feststellen, die mit Ta- 
bak- und Alkoholgenuß wenig zu tun 
haben — das sind beispielsweise Berei- 
che wie Magen, Gebärmutterhals, Dick- 
darm und die weibliche Brust. In der 
Lebensweise der Heiligen der Letzten 
Tage gibt es offenbar wichtige, doch 
bislang unbekannte Faktoren, die die 
Lebenserwartung heben. Zur Zeit sind 
verschiedene Untersuchungen im Gan- 
ge, die diese Faktoren zutage bringen 
sollen. 




Frage: Wieviel Schlaf braucht man? 
Wie kann man sich an unregelmäßige 
Schlafenszeiten gewöhnen? 

Antwort: Daß genügend Schlaf wichtig 
ist, steht außer Frage. Hinreichender 
Schlaf ist nötig, damit die Körperzellen 
sich regenerieren können. Wer zu wenig 
schläft, leistet weniger, ist reizbar, ner- 
vös und erhöht unfallgefährdet. Wer 
leicht ermüdet oder sich körperlich 
schwer anstrengt, braucht mehr Schlaf 
als der Durchschnitt. 
Man hat sich eingehend mit der Frage 
befaßt, wieviel Schlaf ein jeder braucht. 
Im 88. Abschnitt des Buches , Lehre und 
Bündnisse' lesen wir, daß wir früh zu 



Bett gehen sollen, damit wir erfrischt 
aufstehen können. Es heißt darin aber 
auch, daß wir nicht mehr schlafen sollen 
als nötig. 

Eine Untersuchung in Kalifornien hat 
ergeben, daß Menschen, die 7 bis 8 
Stunden schlafen, gesünder sind als sol- 
che, die 6 oder weniger bzw. 9 oder mehr 
Stunden schlafen. Das Raumfahrtszen- 
trum Houston hat herausgefunden, daß 
die meisten Menschen 7 bis 8 von 24 
Stunden schlafen müssen. Wir wissen, 
daß Neugeborene bis zu 22 von 24 
Stunden schlafen. Im Alter von ein bis 
vier Jahren sind etwa 12 Stunden Schlaf 
erforderlich. Kinder von vier bis zwölf 
brauchen an die 10 Stunden Schlaf. 

Jugendliche brauchen 8 bis 10 Stunden 
und der Durchschnittserwachsene 7 bis 
8. Die Tages- oder Nachtzeit, während 
der man schläft, spielt offenbar keine 
Rolle, solange man in einem durchschla- 
fen kann und die Menge Schlaf be- 
kommt, die man braucht. Wann immer 
es möglich ist, sollte man sich die in 
, Lehre und Bündnisse' vorgeschlagene 
Lebensweise - - früh zu Bett und früh 
auf (LuB 88:124) - - angewöhnen. Sie 
reicht zur Deckung des täglichen Schlaf- 
bedarfs völlig aus. 



Frage: Man hört immer wieder über 
schädigende Wirkungen von Lebensmit- 
telzusätzen. Wie verhält es sich nun 
wirklich damit? 

Antwort: In manchen Gebieten der Welt 
konnten durch den Zusatz von Nähr- 
stoffen in gewissen Nahrungsmitteln 
Mangelkrankheiten zurückgedrängt 
werden. Indem man beispielsweise Brot 



mit Eisen, Nikotinsäure und Vitamin Bi 
anreicherte, konnte man Anämie, Pella- 
gra und Beriberi fast gänzlich ausrotten. 

Noch vor ein paar Jahrzehnten waren 
diese Krankheiten im Süden der USA 
weit verbreitet. 

Da der menschliche Körper etwa vierzig 
verschiedene Nährstoffe braucht, kann 
kein einzelner Lebensmittelzusatz eine 
ausgewogene Ernährung bewirken. Es 
sind noch nicht einmal alle Nährstoffe 
erforscht, und wir wissen daher nicht 
von allen, wieviel davon für eine gesunde 
Ernährung notwendig ist. Daher ist es 
am besten, wenn man sich von vornher- 
ein ausgewogen ernährt (Milch, Fleisch, 
Obst, Gemüse, Brot und Getreide), an- 
statt eine an sich mangelhafte Ernäh- 
rung mit Vitamin- und Mineralzusätzen 
verbessern zu wollen. 

Viele Fragen erheben sich im Hinblick 
auf andere Lebensmittelzusätze wie 
Konservierungsmittel, Farbzusätze, 
künstliche Aromen und Süßstoffe. Sol- 
che Zusätze unterliegen strengen Kon- 
trollen, und bevor sie genehmigt werden, 
gehen gründliche Untersuchungen vor- 
aus. Die meisten Zusätze dieser Art 
werden aus Chemikalien hergestellt, die 
dem Körper ohnehin nicht fremd sind. 

Gelegentlich erweist sich eine Kombina- 
tion verschiedener Chemikalien oder 
Lebensmittelzusätze als schädlich und 
wird prompt verboten. In vielen Gebie- 
ten der Welt, wo klimatischer oder sani- 
tärer Verhältnisse wegen oder mangels 
geeigneter Lagerstätten und Kühlanla- 
gen Lebensmittel leicht verderben, ha- 
ben sich verschiedene Lebensmittclzu- 
sätze als großer Segen erwiesen. Wenn es 
auch vorteilhaft sein mag, natürliche, 
unveränderte Nahrungsmittel zu essen, 



10 



so deutet doch sehr wenig darauf hin. 
daß Lebensmittelzusätze gesundheits- 
schädigend seien. 



Herrn näherkommen, — der unsere Ge- 
bete vernimmt und erhört. 



Frage: Kann Fasten gesundheitsschädi- 
gend sein? 

Antwort: Wenn man das rechte Maß 
einhält, ist Fasten gesundheitsfördernd. 
Erst wenn man zu lange fastet, kann es 
sein, daß man seine Gesundheit gefähr- 
det. Der Mangel an Grundnährstoffen 
und insbesondere an Wasser kann kör- 
perliche Beschwerden hervorrufen, die 
über längere Zeit hinweg zu schweren 
Erkrankungen und sogar zum Tod füh- 
ren können. 

Grundsätzlich gibt es zwei Arten des 
Fastens - - aus religiösen Gründen und 
aus Gesundheitsgründen. Was das erste- 
re angeht, genügt es in der Regel, zwei 
aufeinanderfolgende Mahlzeiten auszu- 
lassen und während dieser Zeit auch 
nichts zu trinken. Manchmal allerdings 
erlebt man Krisen im Leben und möchte 
längere Zeit fasten und beten, wenn man 
zum Herrn um Hilfe fleht. Manche 
Ärzte sind der Meinung, daß längeres 
Fasten nicht schaden kann, wenn man 
dazwischen etwas Wasser trinkt und 
nach zwei, drei Tagen wieder ißt. 
Fastet man länger als ein paar Tage, so 
sollte man sich der Aufsicht eines Fach- 
arztes unterstellen. Kleinkinder, 
Schwangere, Rekonvaleszenten und 
chronisch Kranke (etwa Diabetiker) 
sollten nur kurze Zeit und in manchen 
Fällen gar nicht fasten. 
Hier gilt der Rat des Herrn, daß wir in 
allem Weisheit walten lassen sollen. 
Maßvolles Fasten kann viel dazu beitra- 
gen, daß die Mitglieder der Kirche dem 




Frage: Was spricht für und was gegen 
das Bruststillen bzw. die Flaschen- 
nahrung? 

Antwort: Stillen ist eindeutig besser als 
die Ernährung mit der Flasche, doch 
darf man nicht vergessen, daß manche 
Frauen damit Schwierigkeiten haben 
und sich deshalb nicht als minderwertige 
Mütter fühlen sollen. 

Vieles spricht für die Muttermilch und 
das Stillen: 

1. Muttermilch ist die ideale und aus- 
gewogenste Nahrung für das Kind. 
Künstliche Flaschennahrung ist nur 
eine versuchte und annähernde Nach- 
ahmung der Muttermilch. 

2. Muttermilch ist sauber. Es gibt 
keine Schwierigkeiten mit dem Sterili- 
sieren und Lagern. 

3. Muttermilch wirkt immunisierend. 

4. Das in der Muttermilch enthaltene 
Eisen wird leichter aufgenommen und 
ist gesünder für das Kind. 

5. Stillkinder leiden seltener an Ver- 
dauungsbeschwerden und Allergien. 

6. Das Stillen bewirkt, daß sich der 
Uterus der Mutter früher normalisiert. 

7. Stillen ist billiger und in der Regel 
weniger umständlich. 



11 



8. Beim Stillen entsteht zwischen Mut- 
ter und Kind eine festere Bindung. 

9. Das Stillen bewirkt auch andere 
Vorteile auf seelischem Gebiet. 

Stillende Mütter sagen oft: „Ich habe 
eher das Gefühl, ich gebe dem Kind, was 
es braucht." ,,Ich fühle mich als Frau 
erfüllter." ,,Es zwingt mich, Entspan- 
nung zu suchen und mir für das Kind 
Zeit zu nehmen. Ich tue es gern, und ich 
brauche diese Erholung auch." „Ich 
habe das Gefühl, das Kind braucht 
mich." „Ich kann jetzt besser verstehen, 
welche Opfer meine Mutter für mich 
gebracht hat. "„Ich fühle mich dem Va- 
ter im Himmel näher und verstehe meine 
Rolle in der Schöpfung besser." 
Wenn ein Kind nicht gestillt wird, sollte 
man einen Kinderarzt oder einen ande- 
ren Arzt zu Rate ziehen, um die geeig- 
netste Säuglingsnahrung zu ermitteln. 



Frage: Was für gesundheitliche Folgen 
entstehen, wenn man koffeinhaltige Ge- 
tränke — abgesehen von Kaffee — zu 
sich nimmt? Welchen Standpunkt ver- 
tritt die Kirche in dieser Hinsicht? 

Antwort: Die Antwort auf diese Frage 
fällt in den Bereich der Medizin und des 
persönlichen Urteilsvermögens. Kolage- 
tränke enthalten Koffein, und man mag 
sie daher meiden, wenn man den Geist 
des Wortes der Weisheit befolgen will. 
Die jüngste Veröffentlichung der Kirche 
über dieses Thema steht in den Priester- 
tumsnachrichten vom Februar 1972 (8. 
Jahrgang, Nr. 1, Punkt 6): 
„Was Kolagetränke betrifft, so hat die 
Kirche nie offiziell Stellung zu dieser 
Frage bezogen, aber die Führer der 



Kirche haben gewarnt und warnen er- 
neut ausdrücklich vor dem Genuß aller 
Getränke, die schädliche, Sucht erzeu- 
gende Stoffe enthalten oder unter gewis- 
sen Umständen zur Sucht führen kön- 
nen. Wir sollen alle Getränke meiden, 
die für den menschlichen Körper nicht 
zuträgliche Stoffe enthalten." 
Es gibt keine Regel der Kirche, die einen 
Bischof daran hindert, jemandem einen 
Tempelempfehlungsschein auszustellen, 
der Kolagetränke trinkt. Solche Geträn- 
ke enthalten allerdings ein Viertel bis die 
Hälfte der Koffeinmenge einer Tasse 
Kaffee — je nach der Flaschengröße. 
Koffein ist ein Reizmittel, das — mit den 
üblichen Nebenwirkungen — auf das 



Die Führer der Kirche 

haben gewarnt . . . vor dem 

Genuß aller Getränke, die 

schädliche, Sucht erzeugende 

Stoffe enthalten oder unter 

gewissen Umständen zur 

Sucht führen können. 



zentrale Nervensystem wirkt und Sucht 
erzeugt. Der häufige Genuß von Kola- 
getränken kann zu ähnlichen Suchter- 
scheinungen führen wie häufiger Kaffee- 
genuß. 



Frage: Bevor ich zur Kirche kam, habe 
ich jahrelang geraucht. Ist meine Ge- 
sundheit deshalb für immer beeinträch- 
tigt? 



Antwort: Man hat eine Vielzahl von 
Untersuchungen darüber durchgeführt, 
welchen Vorteil jemand hat, der zu rau- 
chen aufhört. Die häufigste Todesursa- 
che, die mit dem Rauchen in Zusam- 
menhang steht, ist der Herzanfall. Ver- 
schiedene Forschungsarbeiten zeigen: 
Wenn jemand zu rauchen aufhört, sinkt 
das Risiko eines Herzanfalls sehr schnell 
auf einen Wert ab, der fast dem für 
Nichtraucher gleichkommt. Das gilt so- 
gar für langjährige Raucher. 
Für den Lungenkrebs gelten allerdings 
andere Daten. Wenn jemand zu rauchen 
aufhört, sinkt das Risiko eines Lungen- 
krebses nur langsam ab. Der Grund 
dafür dürfte sein, daß die Tendenz zum 
Lungenkrebs durch Teer und andere im 
Tabak enthaltene Bestandteile verstärkt 
wird, die sich über längere Zeit im 
Körper anhäufen. Die Zeitspanne, die 
jemand geraucht hat, ist daher ein wich- 
tiger Indikator des Krebsrisikos. Aber 
auch beim Krebs sinkt das Risiko lang- 
sam ab, und zwar im direkten Verhältnis 
zu der Zeit, die man nicht mehr geraucht 
hat. 



Abfälle und Schmutz, so bekämpft man 
damit automatisch die Ratten. Wenn im 
Haus alle Nahrungsmittel verschlossen 
aufbewahrt werden, gibt es keine Mäu- 
se. Wäscht man das Geschirr in heißem 
Seifenwasser, vernichtet man Mikroorg- 
anismen aller Art. Bettwanzen können 
nicht überleben, wenn die Bettwäsche 
regelmäßig gewaschen wird. Kopfläuse 



Der Herzanfall ist die 

häufigste Todesursache, die 

auf das Rauchen 

zurückzuführen ist. 



kommen nicht vor, wenn man das Haar 
regelmäßig wäscht. In Toiletten und 
Waschbecken, die saubergehalten wer- 
den, können sich keine Krankheitskeime 
ansiedeln. Und in der Küche, wo keine 
Reste und Krümel umherliegen, gibt es 
auch keine Ameisen. 
Natürlich gibt es auch Ausnahmen da- 
von, und man darf nicht den Schluß 
ziehen, daß jemand einen schmutzigen 
Haushalt haben muß, wenn er oft krank 
ist. Im allgemeinen aber lassen sich viele 
Krankheiten — besonders ansteckende 
— durch Sauberkeit und sanitäre Ein- 
richtungen weitgehend verhindern. 



Frage: Welche Bedeutung haben sanitä- 
re Einrichtungen und Sauberkeit? 

Antwort: Es steht fest, daß viele Organis- 
men, die dem Menschen schaden kön- 
nen, in einer sauberen Umwelt keine 
Lebensgrundlage finden. Beseitigt man 



Frage: Wogegen soll ich mich und 
meine Familie impfen lassen? 

Antwort: Impfaktionen haben viel zur 
Eindämmung ansteckender Krankhei- 
ten in aller Welt beigetragen. Polio war 



13 



einmal eine weit verbreitete Krankheit, 
die mit dem Tod oder lebenslangen 
Schäden endete. Heute wird sie weitge- 
hend durch regelmäßige, geplante Imp- 
fungen verhindert. Die Pocken, eine 
Krankheit, die jahrhundertelang auf der 
ganzen Welt gefürchtet war, konnten 
vor kurzem als ausgerottet erklärt wer- 
den — die Folge von weltweiten Impf- 
kampagnen. 

Die Kirche hält ihre Mitglieder an, sich 
gegen Krankheiten immunisieren zu las- 



sen, die durch Impfungen verhindert 
werden können. Dadurch schützt man 
nicht nur sich selbst, sondern trägt zur 
Gesundheit des ganzen Gemeinwesens 
bei. 

Kinder sollten regelmäßig gegen folgen- 
de Krankheiten geimpft werden: Diph- 
therie, Keuchhusten, Tetanus, Polio, 
Masern, Röteln und Mumps. Der fol- 
gende Impfplan gewährt maximalen 
Schutz gegen die genannten Krankhei- 
ten: 



Empfohlener Impfplan (vom Gesundheitsministerium Utah) 



Alter 


Masern 


Tetanus 


Polio 


Röteln 


Mumps 


2 Monate 




• 








4 Monate 




• 








6 Monate 












15 Monate 


• 






• 


• 


18 Monate 




• 








4-6 Jahre 




• 


^ 





Die Eltern sollen jede Impfung im Impf- 
paß eintragen lassen und regelmäßig 
überprüfen, ob alle Impfungen durchge- 
führt wurden. 

Weitere Krankheiten, gegen die man 
sich impfen lassen kann, sind: Typhus, 
Cholera, Gelbfieber, Pest, Grippe, Vi- 
rusgelbsucht, Lungenentzündung und 
Tuberkolose. Wer in einem Gebiet lebt 
oder ein Gebiet bereist, wo diese Krank- 
heiten grassieren, soll die Empfehlungen 
des örtlichen Gesundheitsdienstes be- 
achten und sich im Hinblick auf Impfun- 



gen von einer kompetenten Stelle bera- 
ten lassen. 

Die Fragen in diesem Artikel wurden von 
folgenden Fachleuten beantwortet, die 
alle der Kirche angehören: Winifred W. 
Bates, R.D.; Homer S. Ellsworth, Dr. 
med.; Isaac C. Ferguson, Dr. Phil.; Jo- 
seph L. Lyon, Dr. med., M.P.H.; James 
R. Goodrich, M.H.Ed.; John M. Hill 
jun., Dr. Phil.; Phyllis C. Jacobson, Dr. 
Phil.; Susan Mendenhall, R. D.; Alton L. 
Thygerson, Ed. D.; Roger R. Williams, 
Dr. med. D 



ICH BIN 
NICHT MEHR DI ESELBE 

UND MEINE EHE 
AUCH NICHT 

Der Name der Verfasserin wurde auf ihren Wunsch hin nicht veröffentlicht. 



Ich bin mit einem Nichtmormonen 
verheiratet. Zwar habe ich wirklich 
den Wunsch, daß sich mein Mann der 
Kirche anschließt, doch habe ich festge- 
stellt, daß unsere Ehe schon vorher ein 
Stück Himmel auf Erden sein kann. Ich 
bin glücklich in der Familie, mein Mann 
auch — doch es war nicht immer so. 
Die ersten sieben Jahre unserer Ehe 
hatte ich an Brent immer etwas auszuset- 
zen. Zwar hielt ich mich im Zaum, doch 
ließ ich meinen Mann nie vergessen, daß 
er zuviel rauchte, zu oft mit seinen 
Freunden unterwegs war, nicht genug 
Zeit mit mir und den Kindern verbrach- 
te, das Geld nicht gut einteilte, zuviel 
trank und zu Hause nicht genug tat. 
Ich hatte jedoch zweierlei auf meiner 
Seite: Aufgrund einer früheren Schei- 
dung hatte ich mir geschworen, Brent 
niemals zu verlassen — und wenn er 
ging, sollte er wissen, ich liebe ihn und 
möchte, daß er bleibt. Die Folge war, 
daß er nie fortging, obwohl er seine 
Koffer schon mehr als einmal gepackt 
hatte. 

Zweitens hatten wir beide einen liebevol- 
len Charakter und jeder achtete den 



anderen. Manchmal wurde diese gegen- 
seitige Achtung von Zorngefühlen über- 
schattet, doch vorhanden war sie immer. 
Trotzdem brachte mich seine Lebensart 
manchmal zur Verzweiflung. Ich mußte 
einsehen, daß Brent sich nicht änderte, 
und meine Hoffnungslosigkeit machte 
das Familienleben auch nicht schöner. 
Eines Tages hörten wir in der FHV, daß 
die Atmosphäre in der Familie von der 
Frau abhängt. Das gab mir zu denken, 
und ich fing an, nach Zeitschriftenarti- 
keln und Büchern zu suchen, die mir 
vielleicht helfen konnten. Ich versuchte, 
meine Handlungsweise zu analysieren. 
Als erstes fiel mir auf: Sieben Jahre 
Nörgeln hatten zu keinem Ergebnis ge- 
führt. Brent wußte ja inzwischen, was 
mir nicht paßte, also brauchte ich mich 
nicht mehr zu wiederholen. 
Zweitens: Wenn ich ihn ändern wollte, 
mußte ich mich selbst ändern und Mittel 
und Wege finden, ihn so zu nehmen, wie 
er war, und dabei glücklich zu sein. Ich 
mußte an meiner eigenen Vervollkomm- 
nung arbeiten, nicht an der seinen. 
Drittens: Wenn ich immer daran dachte, 
daß es eines Tages zu der Entscheidung 



15 



kommen könnte: er oder die Kirche, 
dann konnte ich ihn nicht so lieben, wie 
ich es sollte. 

Viertens: Ich mußte ihm seinen rechtmä- 
ßigen Platz als Oberhaupt der Familie 
einräumen, und zwar in allem — auch 
bei Entscheidungen im Zusammenhang 
mit der Kirche. 

Aus FHV-Lektionen, aus dem Unter- 
richt in der Sonntagsschule, aus meinem 
persönlichen Studium der heiligen 
Schriften, aus verschiedenen Büchern 
und mit viel Beten stellte ich mir einen 
Plan zusammen. 

So wollte ich anfangen: Wenn Brent zu 
spät nach Hause kam, wollte ich trotz- 
dem freundlich sein. Der Schlüssel zu 
dieser Änderung war das Beten. Als 
Brent das erste Mal zu spät nach Hause 
kam und mich in guter Stimmung vor- 
fand, fragte er: „Was ist denn hier los?" 
Ich antwortete, es koste mich zuviel 
Kraft, wenn ich mir seinetwegen immer 
Sorgen machte; darum habe ich den 
Vater im Himmel gebeten, über ihn zu 
wachen, denn schließlich habe er mehr 
Einfluß auf die Umstände als ich. Auch 
sagte ich ihm, er sei wohl vernünftig 
genug, um sich aus Schwierigkeiten her- 
auszuhalten. Er lachte, und zwei Mona- 
te später hatte er es sich angewöhnt, 
mich anzurufen, wenn er länger fortblei- 
ben wollte. Auch kam er immer früher 
heim, denn nun hatte er ja eine freundli- 
che Frau zu Hause. Für mich war es 
schwer. Ich mußte Selbstdisziplin üben. 

Ich lernte eins: Wenn ich mich nicht 
beherrschen konnte, weil er getrunken 
hatte und spät nach Hause kam, ging ich 
lieber aus dem Haus. Doch die Mühe 
lohnte sich: Wir stritten kaum mehr 
darüber, daß Brent trank. 
Diese guten Erfahrungen gaben mir 



Auftrieb, und ich überlegte, wie ich noch 
weitere Streitpunkte umgehen könnte. 
Ich drängte Brent nicht mehr, mit uns 
auszugehen. Statt dessen plante ich für 
uns Ausflüge und Familienabende und 
lud ihn dazu ein. Manchmal kam er, 
manchmal nicht. Wir freuten uns, wenn 
er dabei war, aber wir machten es auch 
ohne ihn, wenn er beschäftigt war. Au- 
ßerdem lud ich mich selbst ein, mitzu- 
kommen, wenn er irgendwohin ging, wo 
wir gemeinsam Spaß haben würden. 
Wenn er nein sagte, ließ ich mich da- 
durch nicht kränken. 
Was aber noch wichtiger war: ich fand 
Möglichkeiten, wie ich ihm zeigen konn- 
te, daß ich ihn liebte. Ich dankte ihm für 
jede Arbeit, die er im Haus verrichtete, 
für jedes Kompliment, jedes Geschenk, 
für jedes Entgegenkommen und jede 
Liebesbezeigung. Ich machte ihm Kom- 
plimente über die Art, wie er sich anzog, 
über seinen Sinn für Humor — über jede 
gute Eigenschaft, die mir an ihm auffiel. 
Je mehr ich sah, desto mehr begann ich 
ihn zu achten, und desto mehr liebte ich 
ihn. 

Nach und nach lernte ich es, ihn tatsäch- 
lich als das Oberhaupt der Familie zu 
sehen. Ich lernte, ihn um Hilfe zu bitten, 
wenn ich Schwierigkeiten hatte, anstatt 
meinen Ärger an ihm auszulassen, wenn 
ich einen Fehler machte. Verständi- 
gungsmöglichkeiten, die jahrelang 
brachgelegen hatten, blühten wieder 
auf. 

Dann begann ich vorsichtig, ihn um 
Erlaubnis zu fragen, wenn ich Veranstal- 
tungen der Kirche besuchen oder mit 
den Kindern etwas unternehmen wollte. 
Anfangs erwiderte er: „Was soll ich 
sagen? Du tust's ja doch!" Aber indem 
ich unterließ, was ihm nicht recht war, 
zeigte ich ihm, daß ich seine Wünsche 



16 




4 "9 



respektierte, und er interessierte sich 
mehr für alles, was wir taten. 
Und ich arbeitete an mir selbst. Brent 
mochte es nicht, wenn er heimkam und 
das Geschirr war noch nicht gespült, 
und so faßte ich den Entschluß, immer 
das Geschirr zu spülen, auch wenn dafür 
etwas anderes stehenblieb. Auch faßte 
ich den Vorsatz, mehr zu schlafen, damit 
ich frischer und besser aufgelegt wäre, 
wenn er heimkam. Das erforderte mehr 
Organisationstalent, als ich hatte. Ich 
dachte nach, machte mir einen Zeitplan 
und überdachte ihn noch einmal. Die 
Kinder halfen mir bereitwilliger, als ich 
ihnen sagte, daß ich ihre Hilfe brauchte, 
wenn wir eine glückliche Familie sein 
wollten. Ich nahm ab, zog mich besser 
an und ließ mir das Haar länger wach- 
sen, weil das Brent besser gefiel. Ich gab 
mir Mühe, zu vergessen, was ich alles 
von Brent wollte, und konzentrierte 
mich darauf, was ich selbst tun konnte, 
um ihm das Gefühl zu geben, daß er 
geliebt wird. 

Inzwischen sind vier Jahre vergangen, 
und ich gebe mir in all diesen Bereichen 
immer noch Mühe. Die Segnungen, die 
daraus erwachsen sind, lassen sich kaum 
zählen. Vor einigen Monaten hat mir 
Brent ein ganz besonderes Kompliment 




gemacht und gesagt, er hätte ohne meine 
Unterstützung nie die nötige Zuversicht 
gehabt, vor kurzem sein eigenes Ge- 
schäft zu eröffnen. Ich fühle mich jeden 
Tag geliebt und geschätzt. 
Ein Lächeln über die Köpfe der Kinder 
hinweg, ein Spaziergang Hand in Hand, 
ein Scherz, der mich zum Lachen bringt, 
ein Anruf, der mir zeigt, daß Brent mich 
vermißt, kleine Geschenke, die sagen: 
Ich liebe dich. Ohne die Kinder essen 
gehen — all das zeigt mir: Er liebt mich. 
Und wenn er mir sagt, er möchte, daß 
wir für immer beisammen bleiben, könn- 
te ich nicht glücklicher sein. 
Er hat sich sehr verändert. Er raucht 
nicht mehr und trinkt weniger. Er ist 
gern mit uns beisammen und macht alle 
paar Wochen einen Ausflug mit einem 
der Kinder. Er ist ein liebevoller Ehe- 
mann und Vater und hat Interesse an 
dem, was wir tun, denken und empfin- 
den. 

Vielleicht hilft ihm unsere Liebe, daß er 
der Taufe näherkommt. Wenn er sich 
aber nicht der Kirche anschließen will, 
so ist die Liebe und der Friede in unserer 
Familie und das Wachstum, das ich 
selbst an mir erlebe, weil ich versuche, 
die Evangeliumsgrundsätze in die Tat 
umzusetzen, Lohn genug. D 



17 



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18 



WIE SOLL 

EIN FÜHRER 

IN DER KIRCHE 

SEIN? 

Eider Mark E. Petersen 

vom Kollegium der Zwölf 



„Was für Männer sollt ihr sein?" fragte 
der Erretter die nephitischen Zwölf, als 
sie ihren geistlichen Dienst antraten. 
Was war die Antwort auf diese Frage? 
„Wahrlich, ich sage euch: So, wie ich 
bin" (3Ne 27:27). 

So wie er ist — denken wir daran! Jesus 
Christus ist unser Vorbild. 
Wann erwartet er, daß diese Männer ihr 
Leben nach seinem Beispiel ausrichten 
sollten? Nicht irgendwann in der Zu- 
kunft, sondern sofort. Als seine geistli- 
chen Diener hatten sie die Pflicht, von 
jenem Zeitpunkt an der Menschheit vor 
Augen zu führen, was er selbst vorgelebt 
hat. 

Nach diesem Vorbild sollen wir alle in 
seinem Werk arbeiten. Was aber ist sein 
Werk? Nach seinen eigenen Worten be- 
steht es darin, die Unsterblichkeit und 
das ewige Leben des Menschen zustande 
zu bringen. Und was ist ewiges Leben? 
Es ist: wie Gott werden. Wir sind ja seine 
Kinder, und so können wir schließlich 
vollkommen werden wie er. 
Das steht allen Menschen offen, wo 
immer sie auch leben. Voraussetzung 
dafür ist der Glaube an Christus. Wie 
erlangt man diesen Glauben? Paulus hat 



dieselbe Frage gestellt, wenn auch in 
anderen Worten: „Wie sollen sie nun 
den anrufen, an den sie nicht glauben? 
Wie sollen sie an den glauben, von dem 
sie nichts gehört haben? Wie sollen sie 
hören, wenn niemand verkündigt? Wie 
soll aber jemand verkündigen, wenn er 
nicht gesandt ist?" (Rom 10:14, 15). 
Wir sind seine Prediger. Wir sind ge- 
sandt. Wie erfüllen wir nun unseren 
geistlichen Dienst? 



Sich bekehren 

Nikodemus kam mitten in der Nacht zu 
Jesus. Können wir je vergessen, was der 
Herr zu ihm gesagt hat? „Wenn jemand 
nicht von neuem geboren wird, kann er 
das Reich Gottes nicht sehen" (Joh 3:3). 
Wir sehen diese Lehre im Zusammen- 
hang mit unserer Neugeburt aus Wasser 
und Geist bei der Taufe. Doch allzuoft 
geben wir uns mit einer Erklärung zu- 
frieden, die nur die Taufe im Wasser 
umschließt, während wir zu wenig über 
die Geistestaufe nachdenken. 
Wir werden durch Händeauflegen kon- 
firmiert und empfangen die Gabe des 



19 




Heiligen Geistes. Wir dürfen aber nicht 
vergessen: Bei dieser heiligen Handlung 
empfangen wir auch ein neues Leben. 
Wenn wir aufrichtig sind, werden wir 
buchstäblich neu geboren. In einem sehr 
konkreten Sinn werden wir andere, bes- 
sere Menschen. Ein neues Herz schlägt 
in unserer Brust. Wir legen den sündigen 
Menschen ab und nehmen den Namen 
und das Abbild Christi auf uns (s. Kol 
3:9, 10). 

Diese Neugeburt brauchen wir, damit 
andere durch uns glauben, daß Jesus 
wirklich von seinem Vater vom Himmel 
herabgesandt wurde, damit er unser Er- 
retter sei und wir seine Knechte seien — 
bevollmächtigt, andere auf dem Pfad der 
Wahrheit zu führen. Das ist der Anfang 
ihrer Errettung, während unsere eigene 
dadurch voranschreitet. 
Wir müssen fortwährend Sorge tragen, 
daß die Auswirkungen dieser Neugeburt 
in unserem Leben nicht wieder verloren- 
gehen. In unserem geistlichen Dienst 
suchen wir andere dieser Neugeburt zu- 
zuführen, doch wir können niemand 
etwas geben, was wir selbst nicht haben. 
Wenn unser eigenes Haus nicht gut 
gebaut ist, können wir kaum für einen 
anderen den Architekten und Baumei- 
ster spielen. 
Was für Männer müssen wir daher sein? 



So, wie er ist. Der Herr hat viel Wichti- 
ges gelehrt, was er von seinen Jüngern 
erwartet. Eine seiner eindringlichsten 
Lehren ist die: Wir sollen lebende Zeu- 
gen dafür sein, daß er der Messias ist. So 
überzeugen wir andere davon, daß der 
Vater im Himmel ihn wirklich in die 
Welt gesandt hat, damit er unser Erret- 
ter werde. 

Als er für seine Jünger betete, betete er 
auch „für alle, die durch ihr Wort an 
mich glauben . . ., damit die Welt glaubt, 
daß du mich gesandt hast" (Joh 17:20, 
21). 

An kaum einer anderen Stelle wird unse- 
re göttliche Berufung so präzise defi- 
niert. Welche Aufgabe und welche Ver- 
antwortung! Diese Worte sollten uns als 
Leitstern dienen. Begreifen wir sie auch 
ganz? 

Sie stellen den eigentlichen Kern unserer 
Religion dar. Ohne diesen grundlegen- 
den Glauben kann niemand errettet wer- 
den. Alles, was wir als Beamte der 
Kirche sagen und tun, muß diesen erha- 
benen Grundsatz widerspiegeln. Er ist 
Gottes Sohn. Er ist Gott. Er ist auf 
Beschluß des Himmels in die Welt ge- 
sandt worden. Wir sind seine Gesand- 
ten, seine Zeugen, und er stützt sich auf 
uns: Wir müssen wirken, damit die Welt 
glaubt, daß Gott ihn gesandt hat, und 
damit — vielleicht — viele nach seinem 
Evangelium leben und errettet werden. 



Vorbild sein 

Wir müssen, wie Paulus zu Timotheus 
gesagt hat — ein Beispiel für die Gläu- 
bigen sein, in unseren ,, Worten, in unse- 
rem Lebenswandel, in der Liebe, im 
Glauben, in der Lauterkeit" (lTim 
4:12). 



20 



Wieviel Beachtung schenken wir dem 4. 
Abschnitt des Buches , Lehre und Bünd- 
nisse'? 

„Glaube, Hoffnung, Nächstenliebe und 
Liebe — das Auge nur auf die Herrlich- 
keit Gottes gerichtet — befähigen [uns] 
für das Werk. 

Behaltet in euch Glauben, Tugend, Er- 
kenntnis, Mäßigung, Geduld, brüderli- 
ches Wohlwollen, Frömmigkeit, Näch- 
stenliebe, Demut, Eifer . . . 
Das Feld ist schon weiß, zur Ernte 
bereit; und wer also seine Sichel mit 
Macht einschlägt, der trifft Vorsorge, 
daß er nicht zugrunde geht, sondern 
seiner Seele die Errettung bringt" (LuB 
4:5, 6, 4). 

Unsere Familie ist der Grundpfeiler in 
Gottes Reich. Wir sind seine Knechte - 
wie sieht also unser Familienleben aus? 
Gibt es dort viel Liebe? Sind wir den 
Unseren ein Christus ähnliches Vorbild, 
damit auch sie unseretwegen an ihn 
glauben? 

Sind wir, was unsere persönlichsten Ge- 
pflogenheiten anbelangt, rein im gehei- 
men und keusch? Lassen wir es zu, daß 
— wenn auch im geheimen — durch 
Schmutz und Sünde gegen den Geist 
Gottes Barrieren errichtet werden, daß 
die Heiligkeit aus unserem Leben ver- 
drängt wird? Oder sind wir gewillt, die 
Tugend hochzuhalten, so daß sie uns 
mehr gilt als das eigene Leben? 
Sind wir frei von Heuchelei? Sind wir, 
wenn wir zur Kirche gehen und unsere 
frommen Nachbarn uns sehen, in einer 
anderen Stimmung als bei unseren Ta- 
gesgeschäften? Kann irgend jemand aus 
dem, was wir sagen, eine Entschuldi- 
gung für seine eigenen Sünden ableiten? 
Oder stehen wir über derartiger Welt- 
lichkeit, und inspirieren wir andere zu 
größeren Leistungen? 



Sind wir als Führer immer ein Vorbild 
für die Gläubigen? Oder rufen wir in den 
anderen Zweifel wach, indem wir eine 
Einstellung zur Schau tragen, die nicht 
recht ist? 

Sind wir freundlich und rücksichtsvoll 
zu anderen? Sind wir ehrlich? Oder be- 
steht ein Widerspruch zwischen dem, 
was wir tun und was wir als Knecht 
Gottes darstellen? 



Wir suchen andere dieser 

Neugeburt zuzuführen, doch 

wir können niemand etwas 

geben, was wir selbst 

nicht haben. 



Sind wir bereit zu vergeben? Sind wir 
gerecht? Denken wir daran, daß wir nur 
in dem Maß Vergebung erlangen, wie 
wir selbst zu vergeben bereit sind? 
Halten wir uns an die Goldene Regel, 
und behandeln wir die anderen so, wie 
wir selbst behandelt werden möchten? 
All das gehört zum Bild eines wahren 
Gottesknechts. 

Wir sind die Hirten der Herde Gottes. 
Zu dieser Herde gehört unsere Familie 
ebenso wie die übrigen Mitglieder der 
Kirche. 

Wenn wir selbst wie Christus sind, leh- 
ren wir auch sie, wie Christus zu sein. 
Wenn wir uns selbst hingeben, so lehren 
wir sie Hingabe. Wenn wir selbst die 
bestehenden Regeln befolgen, lehren wir 
sie, sich ebenfalls an Weisungen zu hal- 
ten. 



21 




Wir lehren sie, wie wertvoll es ist, vom 
Geist Eingebungen zu bekommen, da 
wir ja wissen: Nur so können wir mit 
Gott in Einklang stehen. Andernfalls 
wären wir auf unsere eigenen begrenzten 
Fähigkeiten angewiesen — und was hel- 
fen die uns wirklich? 



Einig sein 

Einer der auffälligsten Züge des Herrn 
Jesus Christus während seines geistli- 
chen Wirkens auf Erden war es, daß er 
mit Gott eins war. Er hatte den starken 
Wunsch, daß auch seine Jünger in diesen 
Kreis des Einsseins träten. Das war eine 
Grundvoraussetzung für ihre Mission. 
Vor seinem Leiden betete er, daß seine 
Jünger eins würden, so wie er und sein 
Vater eins waren (s. Joh 17:20, 21). 
Durch Joseph Smith hat er gesagt: 
,,Wenn ihr nicht eins seid, dann seid ihr 
nicht mein!" (LuB 38:27.) 
Dies ist zum Maßstab seiner Jünger in 
aller Welt geworden. Es ist die Grundla- 
ge unseres Erfolgs. Ohne diese Einigkeit 
sind wir dem Widersacher ausgeliefert. 
Christus ist der Fürst des Friedens. 
Auch wir müssen Friedensboten sein. 
Konflikte können uns zugrunde richten, 
wenn wir sie erst entstehen lassen. Sie 



können der Kirche schwer schaden. In 
alter Zeit wurde die Kirche dadurch 
zerstört, und auch wir können dadurch 
zerstört werden. Wissen wir noch, was 
der Herr über den Streit gesagt hat? 
„Es soll unter euch keine Auseinander- 
setzungen geben, wie dies bisher gewe- 
sen ist . . . 

Siehe, es ist nicht meine Lehre, daß den 
Menschen das Herz zum Zorn gegenein- 
ander aufgestachelt werde; sondern es 
ist meine Lehre, daß es Derartiges nicht 
mehr geben soll" (3Ne 11:28, 30). 
Wissen wir noch, warum die Stadt Zion 
in den Tagen Joseph Smiths nicht aufge- 
richtet werden konnte? Joseph Smith 
hatte besorgt zum Herrn gebetet, weil 
unser Volk aus dem Kreis Jackson (Mis- 
souri) vertrieben worden war. Als Ant- 
wort sagte der Herr über die Heiligen 
folgendes: 

„Siehe, ich sage dir: Es hat Mißtöne und 
Streitigkeiten, Neid und Hader und 
lüsterne, habgierige Wünsche unter 
ihnen gegeben; und damit haben sie ihre 
Erbteile verunreinigt. 



Einer der auffälligsten Züge 
des Herrn Jesus Christus 
daß er mit Gott 



war es, 



eins war. 



Sie waren langsam, auf die Stimme des 
Herrn, ihres Gottes, zu hören; darum ist 
der Herr, ihr Gott, langsam, auf ihr 
Beten zu hören und ihnen am Tag ihrer 
Beunruhigung darauf Antwort zu ge- 
ben. 



22 



Am Tag ihres Friedens haben sie meinen 
Rat geringgeschätzt; aber am Tag ihrer 
Beunruhigung, da suchen sie notgedrun- 
gen nach mir" (LuB 101:6-8). Ist das 
Thema „Gehorsam" jemals besser abge- 
handelt worden? 



Gehorsam sein 

Der Herr hat uns durch den Propheten 
Joseph Smith ein wichtiges Gleichnis 
gegeben und die Heiligen zu größerer 
Hingabe aufgefordert. Er zeigt uns auch 
hierin, daß er erwartet, daß wir auf seine 
Weisung hören. Der Herr sagt: 
„Ein Edelmann hatte ein auserlesenes 
Stück Land, und er sprach zu seinen 
Knechten: Geht in meinen Weingarten, 
ja, zu diesem auserlesenen Stück Land, 
und pflanzt zwölf Ölbäume. 
Und stellt ringsum Wächter auf, und 
baut einen Turm, damit einer, der der 
Wächter auf dem Turm sein soll, das 
Land ringsum überblicke, damit nicht 
meine Ölbäume niedergebrochen wer- 
den, wenn der Feind kommt und zerstö- 
ren und die Frucht meines Weingartens 
an sich nehmen will. 
Die Knechte des Edelmanns aber gingen 
hin und taten, wie ihr Herr ihnen gebo- 
ten hatte, und pflanzten die Ölbäume 
und setzten ringsum eine Hecke und 
stellten Wächter auf und fingen an, 
einen Turm zu bauen. 
Und während sie noch dabei waren, den 
Grund für den Turm zu legen, fingen sie 
an, bei sich zu sprechen: Wozu braucht 
denn mein Herr diesen Turm? 
Und sie berieten sich eine lange Zeit und 
sprachen bei sich: Wozu braucht denn 
mein Herr diesen Turm, wo wir doch 
jetzt Frieden haben? 
Könnte man denn dieses Geld nicht zu 



den Wechslern geben? Dies hier ist doch 
nicht nötig! 

Und als sie so untereinander uneins 
waren, wurden sie sehr träge und hörten 
nicht auf die Gebote ihres Herrn. 
Und der Feind kam bei Nacht und brach 
die Hecke nieder; und die Knechte des 
Edelmanns erhoben sich, waren er- 
schrocken und flohen; und der Feind 
zerstörte ihre Arbeit und brach die Öl- 
bäume nieder. 

Nun siehe, der Edelmann, der Herr des 
Weingartens, rief seine Knechte zusam- 
men und sprach zu ihnen : Wie ist es denn 
zu diesem großen Übel gekommen? 
Hättet ihr nicht tun sollen, wie ich euch 
geboten habe, und — nachdem ihr den 
Weingarten bepflanzt und die Hecke 
ringsum gesetzt und Wächter auf die 
Wälle gestellt hattet — auch den Turm 
bauen und auf den Turm einen Wächter 
setzen und, anstatt einzuschlafen, mei- 
nen Weingarten bewachen sollen, damit 
nicht der Feind über euch komme?" 
(LuB 101:44-53). 

Ist Ihnen aufgefallen, was für Zweifel die 
Arbeiter im Weinberg hatten? Wozu 
braucht denn mein Herr diesen Turm? 
Wozu denn? 

Kommen auch uns solche Zweifel? Sa- 
gen wir: „Wozu braucht die Kirche denn 
dies oder jenes? Wozu denn? 
Wie wichtig ist es doch, daß wir unsere 
Weisungen vollständig und genau erfül- 
len! 

Der Herr hat auch gesagt: „Darum laßt 
einen jeden lernen, was ihm obliegt, und 
laßt ihn mit allem Eifer das Amt aus- 
üben lernen, zu dem er bestimmt worden 
ist" (LuB 107:99). Wir müssen unsere 
Aufgabe kennen und mit unserer ganzen 
Intelligenz und mit aller Kraft daran 
arbeiten. 



23 




Sich ganz hingeben 

Wie muß ein Führer in der Kirche also 
sein? Ebenso wie jeder andere ernsthafte 
geistliche Diener Christi. 

Kann irgendein Führer der Kirche an- 
ders sein als eine Generalautorität? 

Kann er anders sein als ein guter Regio- 
nalrepräsentant, ein guter Pfahlpräsi- 
dent, ein guter Bischof, ein guter Mis- 
sionspräsident oder ein guter Kolle- 
giumspräsident? 

Sind wir nicht alle seine auserwählten 
Knechte? Unterstehen wir nicht alle 
demselben Bund des Priestertums? Ist 
irgendwer bevorzugt? Sieht Gott auf die 
Person? 

Streben wir in irgendeiner Weise nach 
einer hohen Stellung in der Kirche? 

Wollen wir uns in der Kirche hervortun? 

Wäre das eine Haltung, die der Christi 
ähnlich ist? Bewiese das nicht Mangel an 
Demut? 

Die Mutter der Zebedäussöhne kam zu 
Jesus, um für Johannes und Jakobus 
eine bevorzugte Stellung zu erbitten, als 
die übrigen Apostel sie genossen. Der 
Herr wies sie wegen ihres unangebrach- 
ten Ehrgeizes zurück. „Als die zehn 
anderen Jünger das hörten, wurden sie 



sehr ärgerlich über die beiden Brüder" 
(Mt 20:24). 

Der Erretter stellte dann unmißver- 
ständlich fest, daß es zwischen ihnen 
keine Ungleichheit geben sollte, und 
fügte hinzu: ,,Bei euch soll es nicht so 
sein, sondern wer bei euch groß sein will, 
der soll euer Diener sein, und wer bei 
euch der Erste sein will, soll euer Sklave 
sein" (Mt 20:26, 27). 
Das Schlüsselwort ist jedenfalls Hingabe 
zu dem, was uns obliegt. 



Frucht tragen 

Ferner erwartet der Herr von uns, daß 
wir produktiv sind. Er gebietet uns, wir 
sollen viel Frucht hervorbringen. Er 
stellt dies in dem Gleichnis in Johannes 
15 bildlich dar. In diesem Gleichnis sagt 
ein Edelmann seinen Knechten, wie sie 
arbeiten sollen. Hier wird gezeigt, was 
ein wahrer Knecht Gottes ist. 
Das Kapitel beginnt mit einem Gleichnis 
vom Weinberg des Herrn. Sein Vater, 
sagt Jesus, ist der Winzer. Er selbst 
vergleicht sich mit einem Weinstock. 
Wir — seine Knechte — sind die Reben 
des Weinstocks. Wir müssen im Wein- 
berg des Herrn viel Frucht hervorbrin- 
gen. 

„Ich bin der wahre Weinstock, und mein 
Vater ist der Winzer. 
Jede Rebe an mir, die keine Frucht 
bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, 
die Frucht bringt, reinigt er, damit sie 
mehr Frucht bringt" (Joh 15:1, 2). 
Er zeichnet ein Bild, das uns allen ver- 
traut sein sollte. Er sagt, der Wein muß 
beschnitten werden - gereinigt oder 
geläutert oder geheiligt — , damit er 
mehr Frucht hervorbringt. 
Als nächstes spricht er von den Reben, 



24 



die überhaupt nicht tragen, weil sie vom 
Weinstock abgetrennt sind. Warum tra- 
gen sie unter diesen Umständen nicht? 
Weil sie keinen Saft — jene lebensspen- 
dende Flüssigkeit — erhalten, wenn sie 
abgetrennt sind. Das hat den Herrn 
veranlaßt, zu seinen Knechten zu sagen: 
,, Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. 
Wie die Rebe aus sich keine Frucht 
bringen kann, so könnt auch ihr keine 
Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir 
bleibt" (Joh 15:4). 

Dann fügte er hinzu: „Ich bin der Wein- 
stock, ihr seid die Reben. Wer in mir 
bleibt und in wem ich bleibe, der bringt 
reiche Frucht; denn getrennt von mir 
könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15:5). 
Daraus können wir viel lernen. Solange 
wir dem Herrn nahestehen und von 
seinem Geist genährt werden, tragen wir 
reiche Frucht. Wenn wir aber nicht im 
Herrn bleiben und von seiner Kraft 
empfangen, können wir nicht mehr her- 
vorbringen als ein Zweig, der vom Baum 
abgetrennt ist. Daher sagt der Herr: 
„Getrennt von mir könnt ihr nichts 
vollbringen" (Joh 15:5). 
Er verleiht diesen Worten zusätzliches 
Gewicht, indem er sagt: „Mein Vater 
wird dadurch verherrlicht, daß ihr reiche 
Frucht bringt und meine Jünger werdet" 
(Joh 15:8). 

Dieser Schriftstelle entnehmen wir noch 
mehr, was uns zu denken geben sollte. 
Im 16. Vers heißt es: 
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern 
ich habe euch erwählt und . . . be- 
stimmt." Wozu bestimmt? „Daß ihr 
euch aufmacht und Frucht bringt." 
Das ist aber noch nicht alles. Wir sind 
nicht nur von ihm erwählt und bestimmt 
worden, Frucht zu tragen, wir sind auch 
berufen und dazu bestimmt, so zu wir- 
ken, daß unsere Frucht bleibt. 



Achten Sie auf seine Worte: „Nicht ihr 
habt mich erwählt, sondern ich habe 
euch erwählt und dazu bestimmt, daß 
ihr euch aufmacht und Frucht bringt 
und daß eure Frucht bleibt.''' 
Was sagt das aus? Schlicht und einfach: 
Wir müssen so planen und beten und 
arbeiten, daß sich niemand von der 
Kirche abkehrt, sein Zeugnis verliert 
oder inaktiv wird, weil wir selbst nach- 
lässig sind. Unsere Frucht muß bleiben. 
Wie ein Gottesknecht sein soll, ist letzt- 
lich also eine Frage der inneren Haltung. 
Wie jemand im Herzen denkt, so ist er 
auch bei seiner Arbeit. 
Diese Kirche ist Gottes Reich. Die Welt 
ist Gottes Feld, sein Weinberg. Wir sind 
seine erwählten Arbeiter. Erfolg können 
wir nur haben, wenn wir nahe am Wein- 
stock bleiben. Tun wir das, so gibt er uns 
eine wertvolle und wünschenswerte Ver- 
heißung: 

„Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine 
Worte in euch bleiben, dann bittet um 
alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhal- 
ten .. . 

Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet 
ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die 
Gebote meines Vaters gehalten habe 
und in seiner Liebe bleibe. 
Dies habe ich euch gesagt, damit meine 
Freude in euch ist und damit eure Freu- 
de vollkommen wird" (Joh 15:7, 10, 1 1). 
D 



(Nach einer Rede vor den Regional- 
repräsentanten vom 30. März 1979.) 



25 



55 



Im Februar 
komme ich zur Welt" 



Florence B. Nielsen 




26 




DER FREUND 9/1981 




*#** 




Michael sah schon den bunten Dra- 
chen am Himmel. Deshalb radelte 
er den steilen Hang zum Spielfeld seiner 
Stadt noch schneller hinauf. „Das ist ein 
Tetradrachen", erinnerte er sich. Herr 
Groß, der krank war und darum seine 



Arbeit aufgeben mußte, hatte ihm im 
letzten Jahr vieles über Drachen beige- 
bracht. 

Während Michael seine Beine anstreng- 
te, um noch schneller zu treten, dachte er 
besorgt: „Hoffentlich hat Herr Groß 



1 



nicht schon den Deltadrachen steigen 
lassen." Dies war ein ganz besonderer 
Drachen, an dem Herr Groß monate- 
lang gearbeitet hatte. Er hatte Michael 
zuerst Skizzen davon gezeigt und dann 
ein kleines Modell gebaut, um seinen 
Entwurf ausprobieren zu können. Und 
endlich hatte Herr Groß den Drachen in 
Originalgröße fertiggebaut und konnte 
ihn heute das erste Mal steigen lassen. 
„Herr Groß", rief Michael, als er die 
letzte Steigung geschafft hatte. „Ich ha- 
be den Start doch wohl nicht versäumt, 
oder?" 

„Ich bin froh, daß du da bist, Michael. 
Nein, ich konnte den Drachen doch 
nicht ohne meinen treuesten Helfer stei- 
gen lassen. Du mußt mir ja helfen", 
erwiderte Herr Groß, und dabei funkel- 
ten seine Augen vor Vergnügen und 
Vorfreude. „Ich sehe mir noch einmal 
die Spule und die Schnur an. Inzwischen 
kannst du den Drachen ja schon aus dem 
Koffer nehmen. Dann werden wir uns 
ansehen, wie er segeln kann." 
„Werden wir die leichte oder die stärkere 
Strebe brauchen, Herr Groß?" fragte 
Michael, als er den Drachen aus dem 
Koffer nahm und die zwei Meter rote 
Plastikschnur von den Seitenholmen ab- 
rollte und den dunkelblauen Längsträ- 
ger glättete. 

„Ich glaube, wir können die leichte 
Strebe verwenden, weil nicht viel Wind 
geht", erwiderte Herr Groß. 
Sie befestigten die Strebe und die 
Schnur. Dann ließ Herr Groß Michael 
den Drachen halten, während er 15 
Meter Schnur abspulte. 
„Jetzt", rief Herr Groß. Michael warf 
den Drachen so hoch, wie er nur konnte. 
Es gab einen kleinen Ruck an der 
Schnur, der Drachen bekam Aufwind, 
und schon war er aufgestiegen. Michaels 



Stimmung stieg so hoch wie der Dra- 
chen. Er segelte wie ein Vogel und tanzte 
im Wind. 

„Hier, Michael, übernimm du jetzt und 
schau, wie es geht." Herr Groß gab 
Michael die Schnur. „Versuch mal, et- 
was an der Schnur zu ziehen, damit der 
Wind sie ganz spannen und den Drachen 
höher tragen kann", schlug er vor. 
„Aber paß auf; wenn der Drachen senk- 
recht steht, kann es leicht zum Sturzflug 
kommen. Du mußt deshalb immer einen 
Winkel beibehalten." 
Michael holte den Drachen stolz wieder 
herunter, nachdem er ihn eine Zeitlang 
hatte fliegen lassen und sich dabei genau 
an die Anweisungen von Herrn Groß 
gehalten hatte. Er zerlegte den Drachen 
und legte ihn in den Koffer zurück. „Der 
Drachen ist wirklich toll, Herr Groß", 
sagte Michael begeistert, als er Herrn 
Groß den Koffer zurückgab. 
„Er gehört dir, Michael", sagte Herr 
Groß und lächelte dabei. „Und daß du 
ja nicht nein dazu sagst." 
„O, danke, Herr Groß", sagte Michael 
dankbar. Er freute sich so sehr über den 
Drachen, daß er ihn in dieser Woche fast 




jeden Tag steigen ließ. Aber er war auch 
traurig, daß Herr Groß nie zu ihm aufs 
Spielfeld kam und weitere Anweisungen 
gab. 

Eines Nachmittags beschloß Michael, 
ihn zu besuchen. „Vielleicht ist er mit 
etwas Neuem beschäftigt." Auf dem 
Heimweg ging er zu Herrn Groß' Haus 
und läutete. Er wartete, bis Frau Groß 
die Tür öffnete. Sie sah müde und be- 
sorgt aus. 

„Verzeihung, daß ich störe", sagte Mi- 
chael, „aber ich wollte nur wissen, ob Ihr 
Mann zu Hause ist." 
Die Augen der Frau füllten sich mit 
Tränen, als sie sagte: „Nein, er ist nicht 
da. Er hat einen Herzanfall gehabt und 
liegt auf der Intensivstation im Kran- 
kenhaus." 

„Das habe ich nicht gewußt", sagte 
Michael. „Das tut mir leid. Werden Sie 
ihm bitte sagen, daß ich vorbeigekom- 
men bin?" 

Michael wußte, daß er zu klein war, um 
im Krankenhaus einen Besuch machen 
zu dürfen, aber er ging fast jeden Tag 
zum Krankenhaus und erkundigte sich 
wie es Herrn Groß ging. Eines Tages sah 
er auch Frau Groß dort. „Weißt du, 
mein Mann ist jetzt zwar nicht mehr auf 
der Intensivstation", vertraute sie Mi- 
chael an, „aber er ist recht niederge- 
schlagen und spricht auf die Behand- 
lung, die er bekommt, nicht an." 
Diese Neuigkeit über Herrn Groß mach- 
te Michael traurig. Dann fiel ihm etwas 
ein. Er konnte kaum erwarten, bis er mit 
Frau Groß darüber sprechen konnte. Er 
hoffte sehr, daß sie seinem Plan zustim- 
men und ihm helfen würde. 
Am nächsten Tag war es bewölkt und 
etwas kühl. Trotzdem richtete Michael 
es mit Hilfe von Frau Groß so ein, daß 




sie und die Krankenschwester Herrn 
Groß um halb vier Uhr in seinem Roll- 
stuhl auf die Veranda im vierten Stock 
brachten. Genau zu dieser Zeit hatte 
Michael den Drachen bereit und ließ ihn 
aufsteigen! Durch einen starken Auf- 
wind schoß der Drachen in die Höhe 
und durchdrang den Himmel wie ein 
knallroter Pfeil. Dann kam plötzlich ein 
Sonnenstrahl durch die Wolken und 
beleuchtete den segelnden Drachen ge- 
rade, als Michael ihn in seinem Flug 
etwas stoppte. 

Später erzählte Frau Groß Michael, daß 
sich die teilnahmslosen Augen ihres 
Mannes erhellt hatten, als er den Dra- 
chen sah. Wahrscheinlich dachte er an 
die Zeit, die er damit verbracht hatte, 
einen Entwurf anzufertigen, an die Test- 
flüge und all die Arbeit und Freude, die 
er beim Bau des Drachens gehabt hatte. 
„Und", fuhr sie fort, „dann drehte er 
sich zur Krankenschwester um und sag- 
te mit belegter Stimme: ,Mein kleiner 
Freund Michael ist dort unten. Er 
schickte mir Genesungswünsche am En- 
de der Schnur. Und ich kann ihn doch 
nicht enttäuschen, oder?' " D 



NACHRICHTEN AUS DER WISSENSCHAFT 




KOMMEN 

DIE HEUSCHRECKEN 

WIEDER ? 




Vor Tausenden von Jahren wurde der 
Prophet Mose dazu berufen, die 
Kinder Israel aus Ägypten zu führen. Da 
wurde eine große Heuschreckenplage in 
das Land gesandt, um es zu quälen. Wir 
lesen in der Bibel, daß Mose seinen Stab 
ausstreckte, „und der Herr schickte den 
Ostwind in das Land, einen ganzen Tag 
und eine ganze Nacht lang. Als es Mor- 
gen wurde, hatte der Ostwind die Heu- 
schrecken ins Land gebracht. 
Sie fielen über ganz Ägypten her . . . 
Sie bedeckten die Oberfläche des ganzen 
Landes, und das Land war schwarz von 
ihnen. Sie fraßen allen Pflanzenwuchs 
des ganzen Landes und alle Baumfrüch- 
te auf, die der Hagel verschont hatte, 



und an den Bäumen und Feldpflanzen in 
ganz Ägypten blieb nichts Grünes" (Ex 
10:13-15). 

Das ist fast nicht zu glauben, nicht wahr? 
Nicht ein grüner Halm blieb in ganz 
Ägypten übrig! Aber die heutigen Ereig- 
nisse helfen uns das riesige Ausmaß der 
Zerstörung zu verstehen, die durch diese 
Plage des fliegenden Todes hervorgeru- 
fen wurde; denn die Wüstenheuschrecke 
ist bis zum heutigen Tag immer und 
immer wiedergekommen und hat mehr 
als ein Fünftel des Grünlandes auf der 
Erde verwüstet. 

Gewöhnlich richtet die immer hungrige 
Heuschrecke diese Verwüstung in gro- 
ßen Schwärmen an. Der größte Schwärm, 
der genau gemessen wurde, bedeckt eine 
Fläche von fast 1000 Quadratkilome- 
tern und bestand aus annähernd 
40000000000 (40 Milliarden) Insekten. 
Da eine Heuschrecke täglich so viel frißt, 
wie sie selbst wiegt, kann ein solcher 
Schwärm 80000 Tonnen Nahrung täg- 
lich verschlingen — das reicht zur Er- 
nährung von 400000 Menschen in einem 
Jahr! Kein Wunder, daß die Einwohner 
der Länder, wo diese Insekten zuschla- 
gen, ein Schreckensschauer durchfährt, 
wenn man eine Heuschreckenplage er- 
wähnt. 



Illustrationen: 
Shauna Mooney 




Dr. Sherwood B. Idso 



Heuschreckenplagen sind in der Ge- 
schichte für viele Völker im Nahen 
Osten und in Asien ein vertrautes 
Ereignis. Eine der letzten war die 
große Plage von 1949 bis 1963. Und jetzt 
scheint sich sogar eine noch größere 
anzubahnen. 

Der Beginn des jetzigen Anfangs des 
Heuschreckenvolks hängt mit den 
schweren Regenfällen im Nahen Osten 
im Herbst 1977 zusammen. Durch den 
Regen gibt es die nötige Feuchtigkeit 
und frische Vegetation für die jungen, 
flügellosen „Hüpfer". Normalerweise 
kann man sie schon am Boden vernich- 
ten, bevor sie erwachsen werden. Dies 
geschieht dadurch, daß man von Flug- 
zeugen aus ein Schädlingsbekämpfungs- 
mittel über sie sprüht. Aber in den 
Jahren 1977 und 1978 konnte dies nicht 
erfolgreich durchgeführt werden, weil in 
diesen Gebieten Krieg geführt wurde. So 
wurden die Heuschrecken durch nichts 
aufgehalten, und der erste Schwärm er- 
reichte im Dezember 1977 Saudi-Ara- 
bien. 

Es regnete noch mehr, und im Frühjahr 
1978 vermehrten sich die Heuschreckert 
in Saudi-Arabien, im Jemen, in Äthio- 
pien, Somalia und im Sudan. Sie ver- 
mehrten sich noch ein drittes Mal und 



riesige Schwärme flogen über das Ara- 
bische Meer nach Indien, wo heftige 
Regenfälle in der Gangesebene auch 
Indien und Pakistan zu Hauptbrutstät- 
ten machten. Und deshalb stehen heute 
mehr als fünfzig Länder vor der Aus- 
sicht, große Verluste in der Landwirt- 
schaft hinnehmen zu müssen. 




Oben: Ein äthiopischer Feldarbeiter 
besprüht die verseuchte Vegetation, um sie 
vor Heuschrecken zu retten. 
Photo mit Genehmigung der FAO 
(Ernährungs- und Landwirtschafts- 
organisation) der Vereinten Nationen. 

Rechts: Ein Schwärm Wüstenheuschrecken 

läßt sich für die Nacht auf einem völlig 

kahlgefressenen Baum nieder. 

(FAO-Photo von Jean Manuel.) 



Viele Wissenschaftler befassen sich heu- 
te eingehend mit der Wüstenheu- 
schrecke und suchen nach Möglichkei- 
ten, wie sie eine weitere Verwüstung 
verhindern können. Man will vor allem 
Möglichkeiten finden, wie man die jun- 
gen flügellosen Hüpfer entdecken und 
schon am Boden zerstören kann, bevor 
sie fliegen können. Da sich die Brutstät- 
ten meistens in unbewohnten Gebieten 
befinden, setzt man Satelliten ein, die 





Links: Eine Heuschreckeninvasion im 
französischen Marokko im Jahr 1954: Die 
Straße von Tiznit ist mit Heuschrecken 
bedeckt, die von Autos zusammengeführt 
worden sind. Die toten Heuschrecken 
werden sofort von den lebenden 
verschlungen. 

Unten: Männer sprühen Gift, um den 
Heuschreckenschwarm aus dem Jahre 1954 
unter Kontrolle zu bringen. 
FAO-Photos von Studios de Souissi, 
Rabat. 




diese Gebiete auf neues Pflanzenwachs- 
tum hin überwachen. Die Heuschrecke 
legt ihre Eier dorthin, wo aufgrund von 
jüngsten Regenfällen neue Pflanzen 
wachsen. 

Da die Heuschrecke für die Eier sehr viel 
Feuchtigkeit braucht, können einige Sa- 
telliten diese Flächen von feuchtem 
Sand sogar schon finden, bevor dort eine 
neue Vegetation entsteht. Dann kann 
man Schädlingsbekämpfungsmittel sprü- 
hen und die Insekten schon am Boden 
zerstören. Wenn wir dies erreichen, kön- 
nen wir bei unserer Kontrolle einen 
echten Erfolg über die Wüstenheu- 
schrecke verzeichnen; denn wenn die 



jungen Hüpfer nicht schon am Boden 
zerstört werden, muß man sie in der Luft 
bekämpfen. Und wenn man sie in der 
Luft besprühen muß, werden die gefähr- 
lichen Chemikalien auch über Felder, 
Tiere und Menschen gesprüht. 
So geht die Schlacht weiter. Schon seit 
Tausenden von Jahren wird dieser Krieg 
geführt, und weder der Mensch noch das 
Insekt haben dabei vollständig gewon- 
nen oder die Herrschaft übernommen. 
Wir können nur hoffen, daß die neuen 
Möglichkeiten in der Wissenschaft dazu 
führen werden, daß dieses Problem ge- 
löst wird. So kann viel unnötiges Leid 
und Hungern ausgeschalten werden. D 



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An diesem besonderen Apriltag waren die 
Zimmer mit Blumen herrlich geschmückt, 
denn Präsident Snow feierte seinen 87. Ge- 
burtstag. Auf dem Kaminsims stand ein 
wunderschönes Gesteck mit Rosen. Noch 
bevor der Präsident aufgewacht war, klopfte 
es an der Tür des Beehive House. Als man 
aufmachte, standen zwei kleine Mädchen 
draußen. Sie brachten Präsident Snow eine 
Menge leuchtend roter Rosen. 
Die Mädchen sangen zwei, drei Lieder, und er 
war von dem Ständchen tief berührt. Er sagte, 
daß er das nie vergessen würde. 
Als Lorenzo Snow ein Junge war, las er sehr 
gerne. Später wurde er Lehrer und errichtete 
ein Gemeinwesen. Präsident Brigham Young 
suchte ihn aus, um fünfzig Familien in ein 
Gebiet in Utah zu führen, das man später 
Brigham City nannte. Er wurde in seiner 
Arbeit unterbrochen, als er nach Hawaii auf 
Mission berufen wurde. 
Als das Schiff dort ankam, stiegen Lorenzo 
Snow und seine Mitarbeiter in ein kleineres 



Boot, um zum Ufer zu gelangen. Plötzlich 
kenterte ihr kleines Boot, und sie wurden über 
Bord gespült. Man fand den leblosen Körper 
Lorenzo Snows und gab ihm einen Kranken- 
segen. Durch ein Wunder erholte sich Loren- 
zo Snow von diesem schrecklichen Ereignis, 
denn der Herr hatte für ihn noch Wichtiges zu 
tun. 

Lorenzo Snow wurde mit 84 Jahren der fünfte 
Präsident der Kirche. Kurz darauf durfte er 
das Wunder erleben, in einem der Räume des 
Tempels in Salt Lake City den Herrn zu 
sehen. Er hatte dort in aufrichtigem Gebet 
nach der Führung des Herrn getrachtet. 
Präsident Snow ist am besten dadurch be- 
kannt, daß er die Mitglieder der Kirche 
aufgefordert hat, den Zehnten voll zu zahlen; 
ebenso kennt man ihn wegen seiner weisen 
Entscheidungen, die dazu beigetragen haben, 
daß die Kirche schuldenfrei wurde. Auch hat 
er die Missionsarbeit auf die ganze Welt 
ausgedehnt. D 



Vielleicht können nur kinderlos ge- 
bliebene Ehepaare verstehen, wie 
traurig und enttäuscht man sein kann 
und wie sehr man andere beneidet, wenn 
man nach neuneinhalb Jahren Ehe noch 
immer keine Kinder hat. Im patriarcha- 
lischen Segen meines Mannes stand, daß 
er Kinder haben würde, doch in meinem 
war nicht einmal von Ehe die Rede. Wir 
hatten zweimal um einen Priestertums- 
segen gebeten • einen von meinem 
Vater, der unser Bischof war, und einen 
fünf Jahre später von unserem Pfahlprä- 
sidenten. Im ersten wurden uns Kinder 
verheißen — „zu der Zeit, wo es dem 
Herrn recht ist"; im zweiten hieß es, uns 
würde alles, was zu einem erfüllten Le- 
ben gehört, zuteil werden. 
Die Zeit verging. Mein Mann promo- 
vierte im Juni 1975 und erhielt eine Stelle 
in Brasilien angeboten. Wir brachten 
alles, was wir hatten, in ein Lagerhaus 
und machten uns mit zwei Koffern, einer 
Reisetasche voller Bücher und einer Vio- 
line auf, um ein neues Leben anzufan- 
gen. 

In Brasilien gibt es viele Kinder, und die 
meisten werden geliebt. Der ärmste Va- 
ter erzählt einem stolz, wie reich er an 
Kindern ist. Manche werden jedoch zur 
Adoption freigegeben, und wir wußten: 
Hier war es leichter, ein Kind zu adoptie- 
ren, als in den USA. Doch obwohl wir 
gern ein Kind adoptiert hätten, hatten 
wir, wenn wir davon sprachen, immer 
das Gefühl: Jetzt noch nicht. 
Als wir schon ein paar Wochen in Brasi- 
lien waren, bekam ich Heimweh — teils 
wegen der fremden Sprache und den 
fremden Gebräuchen, teils, weil das 
Haus so leer war. 

Ich fühlte mich so allein wie noch nie. 
Dieses Gefühl bedrückte mich so lange, 
bis ich eines Tages spürte: etwas Schönes 



kam in unser Heim. Zugleich hatte ich 
das Gefühl, ein Geistkind sei in meiner 
Nähe. Ich konnte es zwar nicht sehen, 
doch war mir, als wäre es genauso 
ungeduldig wie ich, als warte es schon 
voller Hoffnung. Und dann sagte es mir 
unmißverständlich — obgleich die Wor- 
te nicht hörbar ausgesprochen wurden: 
- „Im Februar komme ich zur Welt." 
Der Februar war der Karnevalsmonat. 
Alle Arbeit stand still, und Brasilien war 
eine ganze Woche lang eine einzige „fe- 
sta". Wir selbst machten nicht mit, weil 
wir als Begleitpersonen an einer Jugend- 
tagung der Kirche teilnahmen. Am letz- 
ten Wochenende im Februar war Di- 
striktskonferenz. Der Monat war vor- 
bei, und wir hatten noch kein Kind, 
obwohl wir darum gebetet hatten, daß 
wir es fänden. Die Ansprachen auf der 
Konferenz vertieften unseren Schmerz 
nur noch: sie handelten davon, wie wich- 
tig es ist, Kinder zu haben. 
Am Donnerstag abend nach der Konfe- 
renz kam eine Schwester, die in der 
Kinderklinik arbeitete, aufgeregt zu mir. 
Auf der Wöchnerinnenstation sei ein 
kleiner Junge, erzählte sie, und die So- 
zialarbeiterin würde ihn bis zum näch- 
sten Tag für uns aufheben. Um halb acht 
waren wir in der Klinik. Wir hatten die 
ganze Nacht nicht geschlafen und in- 
brünstig gebetet, daß es keine Schwierig- 
keiten geben würde. Wir wußten ja 
schon, wie kompliziert es war, ein Kind 
zu adoptieren. Die Sozialarbeiterin war 
sehr nett, doch die Mutter des Kindes 
hatte es sich anders überlegt und das 
Kind am selben Morgen mit nach Hause 
genommen. 

Dann sagte die Frau zögernd: „Es ist 
aber noch ein anderer Junge hier. Wol- 
len Sie ihn sehen?" 
Die Treppen zum Kinderzimmer schie- 



27 



nen endlos. Endlich zeigte man uns ein 
Kunststoffbettchen, in dem ein verrun- 
zeltes kleines Baby lag. Sein winziges 
Gesicht wandte sich uns zu und blickte 
uns mit strahlend blauen Augen an. Wir 
waren sicher: Das war unser Kind. 
Bis Mittag war der Papierkrieg bei Ge- 
richt erledigt, und um sechs Uhr holte 
ich unseren Sohn ab und brachte ihn 
nach Hause. Wir stellten fest, daß er am 
7. Februar zur Welt gekommen war. Da 
sein Geburtsgewicht aber nur an die 2 kg 
betragen hatte, war er fast ein Monat 
lang in der Klinik geblieben. Als er zu 
uns kam, wog er 2 1 /2 kg und war so 
schwach, daß er nicht einmal weinen 
konnte. Wir hatten Angst, wir könnten 
ihn wieder verlieren. 
Der nächste Sonntag war Fastsonntag, 
und wir fasteten für ihn. Mein Mann gab 
ihm einen Segen. Am selben Tag fing er 
an, zu den Mahlzeiten aufzuwachen, 
und zwei Tage darauf weinte er schon 
leise und strampelte. Sechs Monate spä- 
ter war er ein ganz normaler Junge, 
der lachte und krähte. Er hatte fast 
sieben Kilo und war fast 70 cm lang. 
Manchmal fällt es uns sehr schwer, auf 
die Zeit zu warten, „wo es dem Herrn 
recht ist". Wir sind enttäuscht und viel- 
leicht sogar ärgerlich. Wir weinen, hof- 
fen, beneiden andere — während jener 
neuneinhalb Jahre war ich sogar böse 
auf den Herrn. Doch wenn die Gabe 
dann kommt, verstehen wir. 
Wie Abraham und Sara, wie Jakob und 
Rahel, wie die Eltern von Samuel und 
Johannes dem Täufer haben mein Mann 
und ich erlebt, wie groß diese Gabe 
Gottes sein kann. Und während wir 
diese kleine, wachsende Gottesgabe be- 
obachten, beten wir, daß auch wir der 
Aufgabe, die Gott uns anvertraut hat, 
im selben Maß gerecht werden können. 



RAYMOND 

UND 

DER BUS 

Kathleen Conger Ellis 




28 



Wir waren alle aufgeregt, als wir zu 
acht von Kalifornien aus zum Fa- 
milientreffen in Utah aufbrachen. Wir 
sangen und freuten uns auf ein schönes 
Wochenende, doch auch der Ernst des 
Lebens machte sich bald bemerkbar, als 
der Motor unseres kleinen Wagens auf 
einer Paßstraße langsam heißlief. Mein 
Vater machte ein besorgtes Gesicht, als 
er auf der Paßhöhe an den Straßenrand 
fuhr. Es war ein heißer Tag und auch ein 
paar andere Autos waren stehengeblie- 
ben. Sie hatten die Motorhaube offen 
und ließen den Motor auskühlen. Nach 
einiger Zeit fuhren wir hinunter in das 
Victor Valley. 

Wir spielten im Auto und hatten die 
Schwierigkeit mit dem Auto bald verges- 
sen. Als nächstes kamen wir nach Baker 
(Kalifornien). Baker ist eine kleine Ort- 
schaft mitten in der glühend heißen 
Mojavewüste. Wir waren froh, als wir 
die Ansiedlung endlich erreicht hatten 
und aussteigen konnten, um einen Imbiß 
zu nehmen. 

Ich hörte, wie Vater den Tankwart frag- 
te, wann der nächste Bus durch Baker 
kommen würde — egal in welcher Rich- 
tung. Da war mir klar: Er rechnete 
damit, daß unser Wagen die etwas über 
30 Kilometer lange Steigung, die nach 
Baker begann, nicht schaffen würde. 
Doch der Tankwart sagte, der nächste 
Bus käme erst um Mitternacht. Im Som- 
mer, sagte er, sei tagsüber selten ein Bus 
unterwegs, weil es so heiß sei. Es war 
zwei Uhr nachmittags. 
Vater und der Tankwart bastelten eine 
Weile an dem Wagen herum. Dann 
hielten wir einen kurzen Familienrat 
und entschlossen uns, zum Familientref- 
fen nach Utah weiterzufahren. Wir stie- 
gen wieder ein, und es ging los — durch 
eins der gefährlichsten Wüstengebiete 



Amerikas. Nach nicht ganz 30 Kilome- 
tern gab unser müder kleiner Wagen 
vollständig auf. Alle stiegen aus und 
streckten sich. In der Ferne konnte ich 
durch das Flimmern immer noch Baker 
sehen — einen kleinen Strich am Hori- 
zont. 

Vater ist ein guter Mechaniker, aber er 
konnte auch nichts machen. Jetzt wurde 
mir erst klar, wie ernst unsere Lage war: 
Eine achtköpfige Familie, mitten in ei- 
ner unbewohnten Wüste gestrandet. Es 
war Juli, und in der Mittagshitze hatte es 
gut und gern 45 bis 49° C — in dieser 
Jahreszeit eine für die Gegend normale 
Temperatur. Es kamen kaum Autos 
vorüber, und gewöhnlich bleibt in der 
Wüste auch kein Fremder stehen. 
Die Lage war bedenklich, doch wir 
hatten nicht mit dem Glauben unseres 
dreijährigen Bruders Raymond gerech- 
net. 

Vater wollte gerade ein vorbeifahrendes 
Auto heranwinken, als Raymond sagte: 
„Keine Angst, Papa. Ich werde mit Gott 
sprechen und ihn bitten, daß er uns einen 
Bus schickt." 

Vater brachte es nicht übers Herz, ihm 
zu sagen, was es mit den Bussen auf sich 
hatte, und wir schenkten ihm nicht viel 
Beachtung. Er aber ging ein Stück weg 
zu einem Randpfeiler, kniete sich hin 
und fing an zu sprechen. Er blieb eine 
ganze Weile knien, doch schließlich 
stand er auf, kam zu uns her und sagte: 
„Keine Angst, Papa. Es geht alles in 
Ordnung. Der Vater im Himmel schickt 
uns einen Bus." Er bestand darauf, daß 
der Bus schon unterwegs sei. Gerade 
jetzt komme er den Berg herauf. 

Wir wollten ihm gerade klarmachen, 
daß der nächste Bus erst um Mitternacht 
vorbeikommen würde, da tauchte in der 



29 



flimmernden Hitze ein Autobus auf und 
blieb stehen. Wir waren maßlos er- 
staunt. Vater fragte den Fahrer, ob er 
uns bis Las Vegas mitnehmen könne. Er 
willigte ein, und wir bestiegen den Bus. 
Es waren gerade noch sieben Sitze frei. 
Vater blieb beim Auto zurück. In Las 
Vegas rief Mama meinen Onkel an und 
bat ihn, Vater abzuschleppen. Schließ- 
lich kamen wir nach Parowan (Utah) 
und verbrachten ein paar herrliche Tage 
bei unseren Verwandten. Damals fing 
ich übrigens mit meiner genealogischen 



Arbeit an, die ich jetzt seit 16 Jahren 
betreibe. Vater erzählte später: Der Bus- 
fahrer war stehengeblieben und hatte 
gesagt: „Ich weiß nicht, warum ich an- 
halte. Ich habe schon etliche Stunden 
Verspätung. Es ist gegen meine Vor- 
schrift, in der Wüste anzuhalten, aber 
ich hatte das Gefühl, ich solle stehenblei- 
ben." 

Wir wußten, warum er stehengeblieben 
war. Es war wegen unseres kleinen Bru- 
ders Raymond, der dem Vater im Him- 
mel sehr nahe war. D 



DIE ANTWORT 

INDER 

KÜCHE 



Sue Ann Crockett 



Ich habe gelernt: Der Geist spricht zu 
jedem auf seine eigene Art. 

Eine Stelle im Buch , Lehre und Bündnis- 
se' im 8. Abschnitt fasziniert mich seit 
jeher. Es heißt da: ,,So gewißlich der 
Herr lebt, der dein Gott und dein Erlöser 
ist, ebenso gewiß sollst du Kenntnis 
empfangen von allem, was auch immer 
du im Glauben erbittest — mit ehrli- 
chem Herzen und indem du glaubst, daß 
du Kenntnis erlangen wirst . . . 
Ja, siehe, ich werde es dir im Verstand 
und im Herzen durch den Heiligen Geist 
sagen, der über dich kommen und in 



deinem Herzen wohnen wird" (LuB 8:1, 
2). 

Welch ein herrlicher Gedanke! Eine Ver- 
heißung vom Herrn, daß sich uns der 
Geist kundgeben könne! Inmitten der 
Flut von Schwierigkeiten, denen ich von 
Zeit zu Zeit ausgesetzt bin, habe ich, wie 
ich glaube, solche Kundgebungen emp- 
fangen — vielleicht nicht so sehr ein 
starkes und spürbares „Brennen des 
Herzens", wie Oliver Cowdery es erlebt 
hat (s. LuB 9:8), aber trotzdem ein 
Gefühl, das vom Geist kam. Ich bin für 
diese Erlebnisse sehr dankbar. Aller- 
dings hat es Jahre gedauert, bis ich 



30 



solche persönlichen Kundgebungen er- 
kennen lernte. 

Als ich zum Beispiel vor der Entschei- 
dung stand, wen ich heiraten sollte, war 
mir, als sage mir der Geist: ,,Tu's, es ist 
recht." Die Botschaft war klar, doch 
hatte ich mir mehr erwartet, etwas wie 
Blitz und Donner. Darum verschleierten 
Zweifel wieder, was mir so klar erschie- 
nen war. Ich überdachte meinen Ent- 
schluß, betete darüber und kam schließ- 
lich zu dem Schluß, daß meine ursprüng- 
liche Entscheidung richtig gewesen war. 
Warum war meine erste Antwort nicht 
markerschütternd gewesen? Dann hätte 
es gar nicht zu solchen Zweifeln kom- 
men müssen — zumindest bildete ich mir 
das ein. 

Auch bei anderen Gelegenheiten habe 
ich den Einfluß des Geistes verspürt, 
aber nicht erkannt, einfach deshalb, weil 
es so etwas Einfaches ist. Ich war mir 
nicht im klaren über das Erlebte, fing an 
zu zögern und sagte mir dann etwa: 
„Das wäre ja nicht schlecht, aber gerade 
jetzt habe ich zuviel anderes vor" oder: 
,,Ich sollte dem Impuls nachgeben und 
meine Freundin anrufen, aber morgen 
wird es wohl auch noch nicht zu spät 
sein." Später stellte ich dann fest, daß es 
anderen oder mir selbst geholfen hätte, 
wenn ich meinen Gedanken ausgeführt 
hätte. Nach solchen Erlebnissen dachte 
ich: ,, Genau das war's! Wie ist das nun 
bloß wieder gewesen?" 
Ein weiser Freund hat mir einmal ge- 
sagt, ich soll den Geist kosten, wenn er 
kommt, dann würde ich ihn beim näch- 
sten Mal bestimmt wiedererkennen. Im 
Lauf der Zeit habe ich diesen Rat oft 
mißachtet, doch ganz vergessen habe ich 
ihn nie. Eines Tages hatte ich dann ein 
Erlebnis, das mich veranlaßt hat, ihn 
besser zu befolgen. 



Es war ein Tag wie jeder andere. Mein 
damals achtzehn Monate alter Sohn 
spielte wie immer gerade vor meinen 
Füßen und war fortwährend im Weg. 

Ich spürte, wie die Spannung in mir 
stieg. Alles schien mir wichtiger als dem 
kleinen runden Gesicht Beachtung zu 
schenken, das mich da von unten herauf 
anlachte. Schließlich war ich so ange- 
spannt, daß ich anfing, mit ihm zu 
schimpfen, doch plötzlich — vielleicht, 
weil ich einfach nicht mehr konnte oder 
weil ich Schuldgefühle hatte — kniete 
ich mich hin und half ihm seine Stadt aus 
Bauklötzen bauen. Und da geschah es — 
eine Eingebung des Geistes, ganz wie es 
mir plötzlich entsprach; diesmal er- 
kannte ich sie. Keine Fanfare erschallte, 
kein Blitz leuchtete durch das Fenster, 
kein Brennen im Herzen — nur eine 
gedankliche Eingebung, die ich am gan- 
zen Körper als etwas Friedevolles, 
Warmes empfand. Tränen traten mir in 
die Augen, und als ich meinen kleinen 
Jungen fester an mich drückte, sagte mir 
der Geist: „Das ist es, was du tun sollst. 
Es ist recht, wenn du dir für deine 
Kinder Zeit nimmst." 

Ein schlichtes „Ja". Ein „Ja" vom Geist. 
Ob mein Herz brannte? Eher hatte ich 
ein friedevolles Gefühl. Es war tatsäch- 
lich der Geist des Herrn. 

Seit jenem Tag, wo ich auf dem Küchen- 
boden kniete, habe ich manch ähnliches 
Zeugnis empfangen, und keins war we- 
niger deutlich als das erste. Zwar könnte 
ich kaum ein Buch über die Grundlagen 
von Offenbarung schreiben, doch weiß 
ich jetzt aus Erfahrung, welche Befriedi- 
gung und Freude man empfindet, wenn 
man lernt, geistige Eingebungen zu er- 
kennen — gleich, wie still und leise sie 
auch sein mögen. D 



31 



ICH HABE EINE FRAGE 

Die Antworten sollen Hilfe und Ausblick geben, sind aber 
nicht als offiziell verkündete Lehre der Kirche zu betrachten. 




Daniel H. Ludion 

vom Bildungswesen der Kirche 



Nach welchen Gesetzen 
wurde der Erstgeburtssegen 
im Alten Testament vererbt? 



Mehrere Gebräuche und Traditionen 
der Hebräer -- das patriarchalische 
Herrschaftssystem, das Erst- 
geburtsrecht, die Mehrzahl von Ehe- 
frauen — stehen mit dieser Frage in 
Zusammenhang. 

Die Patriarchen des Alten Testaments 
regierten ihre Sippe in der Regel auf 
direktem Weg — ihre Frauen und 
Söhne, die unverheirateten Töchter, 
die Familien der Söhne und so weiter. 
Wenn der Vater starb, trat einer seiner 
Söhne die Nachfolge an. 
Damit es nicht zu Meinungs- 
verschiedenheiten darüber kam, 
welcher Sohn nun auf den Vater 
folgte, entstand das Erstgeburtsrecht, 
das Recht des erstgeborenen Sohnes. 
Beim Tod des Vaters wurde der erst- 
geborene und älteste Sohn das neue 
Familienoberhaupt. Der Erstgeborene 
hatte ein Anrecht auf ein doppeltes 
Erbteil vom Besitz des Vaters, das 
heißt, er erhielt doppelt so viel wie die 
anderen Söhne. Einen Anteil erhielt er 
als Sohn, den zweiten als neues 
Familienoberhaupt (s. Gen 48:22; Dtn 
21:17). Er war auch für den Unterhalt 
der Mutter und der unverheirateten 
Töchter verantwortlich. Als Erst- 
geborener hatte er unter der 
Aaronischen Ordnung das Recht, über 
die Sippe zu präsidieren. Wenn der 



32 



Vater nur eine Frau hatte, gab es 
keine Frage, welcher Sohn der Erst- 
geborene war. Doch der Herr 
gestattete es damals einigen seiner 
Patriarchen, mehrere Frauen zu haben 
(Polygamie). Der Vater konnte also 
mehrere erstgeborene Söhne haben — 
möglicherweise von jeder Frau, mit 
der er verheiratet war. Es erhob sich 
nun die Frage, welcher Sohn das 
Oberhaupt der gesamten Familie 
wurde, wenn der Vater starb. Brauch- 
tum und Tradition weisen darauf hin, 
daß es der erstgeborene Sohn der 
ersten Frau war, wenn er sich als 
würdig erwies. Nur wenn er unwürdig 
war oder verstarb, wurde das Erst- 
geburtsrecht dem erstgeborenen Sohn 
der zweiten Frau übertragen. Zweit- 
geborene Söhne kamen für das Erst- 
geburtsrecht überhaupt nicht in Frage 
außer alle erstgeborenen erwiesen sich 
als unwürdig. 

In Anbetracht dieser Gepflogenheiten 
versteht man die folgenden Episoden 
aus der Bibel besser, in denen das 
patriarchalische Recht zu herrschen 
eine Rolle spielt. 

Isaak und Ischmael 

In der Bibel werden drei Ehefrauen 
Abrahams erwähnt: Sara, Hagar und 
Ketura. Hagar, die zweite Frau, gebar 
als erste einen Sohn, den Ischmael. 
Ischmael war daher der Erstgeborene 
Abrahams, solange seine erste Ehefrau 
Sara keinen Sohn bekam. Als Sara 
jedoch Isaak zur Welt brachte, erhielt 
dieser das Erstgeburtsrecht, denn er 
war der erstgeborene Sohn der ersten 
Frau. 

Jakob und Esau 

Rebekka wird in der Bibel als die 



einzige Frau Isaaks genannt. Der Ehe 
entstammten Zwillinge: Esau, der 
Erstgeborene, und Jakob. Als erst- 
geborener Sohn der ersten Frau war 
Esau der Erstgeborene nach dem Erst- 
geburtsrecht. Esau erwies sich jedoch 
als unwürdig, weil er nicht innerhalb 
des Bundesvolkes heiratete, wie seine 
Eltern es wünschten (s. Gen 26:34, 
35). 

Auch hatte Esau -- zumindest 
vorübergehend — gar nicht den 
Wunsch, das Geburtsrecht zu 
beanspruchen, und verkaufte es dem 
Jakob für „Brot und Linsengemüse" 
(s. Gen 25:29-34; Heb 12:16). Darauf- 
hin wurde Jakob, der zweitgeborene 
Sohn, der Erstgeborene Jakobs. Schon 
bevor die Zwillinge zur Welt kamen, 
sagte der Herr zu Rebekka: „Zwei 
Völker sind in deinem Leib . . . Ein 
Stamm ist dem anderen überlegen, der 
ältere muß dem jüngeren dienen" 
(Gen 25:23). Dies ist zu bedenken, 
wenn man verstehen will, weshalb 
Rebekka unbedingt wollte, daß ihr 
Mann Isaak ihrem Sohn Jakob den 
größeren Segen gebe. 

Josef und Rüben 

Jakob, auch Israel genannt, heiratete 
mindestens vier Frauen, und zwar in 
dieser Reihenfolge: Lea, Rahel, Bilha 
und Silpa. Mit diesen Ehefrauen hatte 
Jakob zwölf Söhne. Sie wurden in 
dieser Reihenfolge geboren (der Name 
der Mutter steht jeweils in Klammer): 
1. Rüben (Lea); 2. Simeon (Lea); 3. 
Levi (Lea); 4. Juda (Lea); 5. Dan 
(Bilha); 6. Naftali (Bilha); 7. Gad 
(Silpa); 8. Ascher (Silpa); 9. Issachar 
(Lea); 10. Sebulon (Lea); 11. Josef 
(Rahel); 12. Benjamin (Rahel). 
Als erstgeborener Sohn der ersten 



33 



Frau war Rüben der Erstgeborene. 
Als er wegen Ehebruchs mit Bilha (s. 
Gen 35:21, 22; 49:3, 4) unwürdig 
wurde, ging das Geburtsrecht auf 
Raheis erstgeborenen Sohn über (1 
Chr 5:1). Obwohl Josef dem Alter 
nach der elfte Sohn war, war er der 
erstgeborene Sohn der zweiten Frau 
und damit der zweite Anwärter auf 
das Geburtsrecht. Jakob ließ ihm 
einen besonderen Mantel machen, 
damit die anderen Söhne sein Recht 
anerkannten, nach dem Tod des 
Vaters über die Familie zu präsidieren. 

Efraim und Manasse 

Soweit man der Bibel entnehmen 
kann, hatte Josef nur eine Frau, 
nämlich Asenat. Mit ihr hatte er zwei 
Söhne: Manasse, den erstgeborenen, 
und Efraim (s. Gen 41:50-52). Als 
Josef seine beiden Söhne zu Jakob 
brachte, damit dieser ihnen einen 
väterlichen (patriarchalischen) Segen 



gebe, erwartete er offensichtlich, daß 
Manasse den größeren Segen bekäme, 
und es mißfiel ihm, daß Jakob den 
jüngeren über den älteren Sohn setzte 
und dem jüngeren Bruder den 
größeren Segen gab (Gen 48:17-20). 
Weder die Bibel noch die neuzeitlichen 
heiligen Schriften geben eine 
Erklärung darüber ab, weshalb Jakob 
von den Gepflogenheiten des Erst- 
geburtsrechts abwich, doch aus der 
Bibelübersetzung Joseph Smiths (Gen 
48:5-11) und aus dem Buch , Lehre 
und Bündnisse' (LuB 133:32-34) geht 
hervor, daß der Herr dem Jakob dies 
geboten hatte. So erhielt also Ephraim 
von Josef das Erstgeburtsrecht, das 
Josef von Jakob (Israel) erhalten 
hatte. In gewissem Sinne ist daher 
Efraim der Erstgeborene Israels, wie 
der Herr durch den Propheten Jeremia 
bestätigt: „Ich bin Israels Vater, und 
Efraim ist mein erstgeborener Sohn" 
(Jer 31:9). D 






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34 



„GEBT ALSO ACHT, 
DASS IHR 

RICHTIG ZUHÖRT LUKAS8:18 



John A. Green 



Vor ein paar Jahren besuchte ich eine 
Zweigkonferenz und lernte dabei 
etwas Unvergeßliches. Der Zweigpräsi- 
dent und sein Erster Ratgeber hatten 
geredet, und nun war der Zweite Ratge- 
ber an der Reihe. Ich beobachtete ihn, 
wie er — offensichtlich sehr unsicher — 
zum Pult ging. 

Als er auf die Versammelten hinabblick- 
te, folgte ich seinem Blick. Zwei oder 
drei Brüder saßen mit geschlossenen 
Augen da - - offenbar waren sie einge- 
nickt. Einige Mütter versuchten erfolg- 
los, ihre Kinder zur Ruhe zu bringen. 
Nur der Missionspräsident, der unten 
Platz genommen hatte, blickte den Spre- 
cher aufmerksam an. Sein Gesicht spie- 
gelte Interesse und Erwartung wider. 
,, Meine Brüder und Schwestern", be- 
kannte der Zweite Ratgeber, indes er 
errötete, „es fällt mir sehr schwer, in der 
Kirche zu reden." Er machte eine zu 
lange Pause. „Heute tue ich es, weil der 
Zweigpräsident mich gebeten hat, daß 
ich ein paar Worte an Sie richte. Ich 
glaube, das ist die zweite Ansprache, die 
ich in meinem Leben halte, und da ich 
die Evangeliumslehre nicht besonders 
gut erklären kann, habe ich eine Rede 
aus einem Buch abgeschrieben, das wir 
zu Hause haben." 

Seine großen, schwieligen Hände such- 
ten in der Anzugtasche. Plötzlich began- 



nen auf seiner Stirn Schweißtropfen zu 
glänzen — die Rede war nicht da. Auch 
in den anderen Taschen war sie nicht. Er 
tat mir furchtbar leid. 
„Gib doch Zeugnis", dachte ich und 
hoffte, dieser Gedanke würde ihn ir- 
gendwie erreichen. Doch offenbar gab es 
für ihn nur die niedergeschriebene Rede 
oder gar keine. Als er in seinen Taschen 
nichts fand, stieg er vom Rednerpult 
herab und ging zwischen den Bankrei- 
hen nach hinten, wo die Mäntel hingen. 
Erst dachte ich, er werde nun einfach 
seinen Mantel anziehen und weggehen, 
doch er suchte nur seine Ansprache. Er 
fand sie in der Manteltasche. Langsam 
kam er wieder zum Rednerpult zurück 
und faltete im Gehen sorgfältig die Blät- 
ter auf. Als er wieder am Pult stand, fing 
er an, vorzulesen — offensichtlich ner- 
vös und verlegen. Manchmal verbesserte 
er die Fehler, die er machte, manchmal 
nicht. 

Die Sache war mir unangenehm, und ich 
litt mit ihm. Am meisten fiel mir seine 
Unzulänglichkeit auf. Trotzdem sollte 
mir der Geist eine große Lektion ertei- 
len. 

Es fing mit einem inneren Sticheln an, 
das langsam zu einer leisen Stimme 
wurde, und während der nächsten paar 
Minuten führte ich ein Zwiegespräch 
mit mir selbst: 



35 



■f: -.: 



,*:: ■ 




'-**^^HB-J* 



„Du wärst sicher ein besserer Redner", 
hörte ich mein „zweites Ich" sagen. 
Ich zuckte unangenehm berührt zusam- 
men, gab aber zu, daß ich es wahrschein- 
lich wirklich besser könne. 
„Wenn du die Gelegenheit hättest, 
könntest du diesem Mann sicher etwas 
beibringen", sagte die Stimme wieder. 
„Du hast einen Doktortitel, bist Siebzi- 
ger und Distrikts-Missionspräsident." 
Die Stimme nahm sich kein Blatt vor 
den Mund. Ich blickte in den Zuhörer- 
raum. Die meisten Leute waren so höf- 
lich oder verlegen, daß sie zu Boden 
blickten. Nur der Missionspräsident sah 
den Sprecher aufmerksam und interes- 
siert an. 

„Welche Ironie!" redete die Stimme wei- 
ter. „Der gute Redner sitzt hier, und der 
schlechte steht am Pult." 
Dieses Zwiegespräch wurde langsam 
unerträglich. Ich versuchte, die Stimme 
zum Schweigen zu bringen, indem ich 



der Rede aufmerksam folgte, doch we- 
gen der Unbeholfenheit und der vielen 
Fehler des Redners fiel mir das schwer. 
„Was wirst du denn von ihm schon 
lernen?" fragte die leise Stimme. Sie 
wollte mich nicht in Ruhe lassen. 
„Keine Ahnung", gab ich ungeduldig 
zur Antwort, „doch irgend etwas werde 
ich schon lernen, wenn ich zuhöre." 
„Soll das heißen, daß du bis jetzt nicht 
zugehört hast?" 

„Genau — ich führe ja dieses stupide 
Zwiegespräch." 

„Du hast also bis jetzt nichts von ihm 
gelernt?" 
„Nein." 

„Und seit er angefangen hat zu reden, 
hast du nichts zum Geist dieser Ver- 
sammlung beigetragen?" 
„Nein." 

„Glaubst du, dieser Redner braucht 
Hilfe?" 
„Ja." 



36 



„Willst du ihm helfen?" 
„Sicher." 

„Dann hilf ihm", sagte die Stimme. 
„Hör zu und trage bei . . ." 
Hier brach ich das Zwiegespräch ab. Ich 
war durch diese Diskussion mit mir 
selbst etwas verärgert und schloß die 
Augen, um aufrichtig zum Vater im 
Himmel zu beten. Ich gestand ein, daß 
ich es war, der Hilfe brauchte. Ich bat 
ihn, er möge mich zu einem guten Geist 
in der Versammlung beitragen lassen. 
„Hilf mir", bat ich, „damit ich so zuhö- 
ren kann, wie ich soll." 
Dann blickte ich auf und sah den Redner 
an. Ich setzte alles daran, daß mein 
Gebet in Erfüllung ging. 
Während der letzten Minuten jener Re- 
de geschah etwas Ungewöhnliches. 
Schon seit zehn Jahren hatte mir ein 
Problem, ein Punkt der Lehre, Kopfzer- 
brechen bereitet. Die Antwort auf meine 
Frage hätte ich wissen sollen — schon 
allein auf Grund meiner Erfahrung in 
der Kirche und meines Schriftstudiums. 
Nicht, daß dies meinen Glauben er- 
schüttert oder mein Zeugnis gefährdet 
hätte, doch zehn Jahre lang hatte ich auf 
meine Frage keine Antwort gefunden. 
An jenem Tag aber kam sie. Ich war 
schon oft auf Konferenzen gewesen und 
hatte den Propheten reden hören, doch 
vielleicht hatte ich bis auf jenen Tag nie 
wirklich zugehört, als ich von dem Zwei- 
ten Ratgeber meine Antwort bekam. Er 
las die Worte unsicher, doch die Bot- 
schaft prägte sich meiner Seele ein, als 
wäre sie eingeätzt worden. 
Heute bin ich davon überzeugt, daß er 
mich durch den Geist belehrt hat. Ge- 
nauso überzeugt bin ich, daß ich von 
dieser Ansprache nichts gehabt hätte, 
hätte ich mich nicht angestrengt, um 
durch den Geist zuzuhören. Und ich 



erhielt nicht nur die Antwort auf eine 
Frage, die mich schon seit zehn Jahren 
beschäftigt hatte. Ich habe auch gelernt, 
daß die Berufung zuzuhören genauso 
wichtig ist wie die, zu reden oder zu 
lehren. Jesus selbst hat in seiner Ge- 
burtsstadt Nazaret gelehrt. Doch sie 
hörten nicht, obwohl sie Ohren hatten, 
und es nützte ihnen nichts. 
In gewisser Hinsicht hat mir dieses Er- 
lebnis vor Augen geführt, was mir selbst 
noch fehlt. Ich habe gelernt, daß ich 
mich fortwährend anstrengen muß, in 
Versammlungen und im Unterricht gei- 
stig zuzuhören. Das erfordert, glaube 
ich, Vorbereitung meinerseits — genau- 
so wie dazu Vorbereitung auf seiten des 
Redners oder Lehrers vonnöten ist. 
Ich glaube, daß sich mir vieles eröffnet, 
wenn ich die Fähigkeit entwickle, mit 
dem Geist zuzuhören. Und wenn ich so 
zuhöre, kann ich, wie ich glaube, in jeder 
Klasse oder Versammlung, die ich besu- 
che, zu einem guten Geist beitragen. 
Das Erlebnis in jener Zweigkonferenz 
bestätigt, was ich ohnehin geglaubt ha- 
be: Die Botschaft des Erretters ändert 
sich nicht. „Wer Ohren hat, der höre!" 
(Mt 1 3:9; Mk 4:9). hat er oftmals gesagt, 
und warnend hinzugefügt: „Gebt also 
acht, daß ihr richtig zuhört!" (Lk 8:18). 
Wenn ich die Fähigkeit entwickle, so 
zuzuhören, wie der Erretter es uns gera- 
ten hat, so werde ich vielleicht öfter an 
Versammlungen teilnehmen wie die, von 
der in der Apostelgeschichte die Rede 
ist: 

„Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an 
dem sie versammelt waren, und alle 
wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt, 
und sie verkündigten freimütig das Wort 
Gottes. 

Die Gemeinde der Gläubigen war ein 
Herz und eine Seele" (Apg 4:31, 32). D 



37 



DER 
PATRIARCHALISCHE 

SEGEN 

Eider LeGrand Richards vom Kollegium der Zwölf 



Will man verstehen, welche Beru- 
fung ein Patriarch hat und wie ein 
patriarchalischer Segen gegeben wird, so 
muß man um das vorirdische Dasein des 
Menschen wissen. Wäre die Geburt auf 
Erden unser Anfang, so wäre die Beru- 
fung eines Patriarchen kaum verständ- 
lich. 

John A. Widtsoe reiste während des 
Ersten Weltkriegs nach England und der 
Beamte der Ausländerbehörde, dessen 
Fragen er beantworten mußte, sagte: 
„Wir lassen Sie nicht an Land gehen. 
Wir haben Ihre Missionare nach Eng- 
land gelassen, aber Ihre Führer wollen 
wir nicht. Nehmen Sie draußen Platz." 
Bruder Widtsoe ging hinaus und setzte 
sich. 

Ein paar Minuten später rief der Beamte 
ihn wieder zu sich und sagte: „Was 
würden Sie meinem Volk verkünden, 
wenn wir Sie an Land gehen ließen?" 
Und Dr. Widtsoe erwiderte: ,,Ich würde 
die Leute lehren, woher sie kommen, 
warum sie hier leben und wohin sie 
gehen." Der Beamte blickte ihn an und 
fragte: „Lehrt Ihre Kirche das?" Bruder 
Widtsoe bejahte. 



„Also, meine lehrt das nicht", sagte der 
Beamte und drückte den Stempel in 
Bruder Widtsoes Reisepaß. Er setzte 
seine Unterschrift dazu und eröffnete 
ihm: „Sie können einreisen." 
Wenn wir nicht wissen, wohin wir gehen, 
sind wir wie ein Schiff auf hoher See 
ohne Steuerruder, ohne Steuermann. 
Wind und Wellen treiben uns umher. 
Verstehen wir jedoch, woher wir kom- 
men, warum wir hier sind und wohin wir 
gehen, dann ist es wahrscheinlich, daß 
wir den Hafen erreichen, zu dem wir 
wollen. Das ist auch der Zweck des 
patriarchalischen Segens: er soll uns 
durch die Inspiration des Allmächtigen 
offenbar machen und auslegen, warum 
wir hier sind und was von uns erwartet 
wird, damit wir das Maß unserer Schöp- 
fung auf Erden erfüllen können. 
Im Buch , Lehre und Bündnisse', Ab- 
schnitt 93, Vers 29 lesen wir: „Der 
Mensch war auch am Anfang bei Gott. 
Intelligenz oder das Licht der Wahrheit 
wurde nicht erschaffen oder gemacht 
und kann tatsächlich auch gar nicht 
erschaffen oder gemacht werden." 
Am Anfang waren wir bei Gott. Der 76. 



38 



Abschnitt des Buches , Lehre und Bünd- 
nisse' sagt uns, daß wir für Gott gezeugte 
Söhne und Töchter sind. Ich möchte 
nicht im einzelnen behandeln, wie wir 
aus Intelligenz zu Geistwesen wurden, 
doch steht fest, daß Gott inmitten dieser 
Geister stand; der Offenbarung zufolge 
war er der Intelligenteste von allen, und 
wir waren in seiner Gegenwart. Da wir 
also keinen Anfang haben, haben wir 
auch kein Ende. Ich verweise auf das oft 
zitierte Wort Gottes an Abraham: „Der 
Herr aber hatte mir, Abraham, die Intel- 
ligenzen gezeigt, die geformt wurden, 
ehe die Welt war; und unter allen diesen 
waren viele von den Edlen und Großen; 
und Gott sah, daß diese Seelen gut 
waren, und er stand mitten unter ihnen 
und er sprach: Diese werde ich zu mei- 
nen Herrschern machen; denn er stand 
unter denen, die Geister waren, und er 
sah, daß sie gut waren; und er sprach zu 
mir: Abraham, du bist einer von ihnen; 
du wurdest erwählt, ehe du geboren 
wurdest" (Abr 3:22, 23). 
Abraham war nicht der einzige, der vor 
seiner Geburt erwählt worden war, son- 
dern dies trifft auch auf viele andere zu, 
von denen wir wissen. Der einzige 
Grund, warum sie vor ihrer Geburt 
erwählt wurden, ist der: Gott kannte sie. 
Er stand mitten unter ihnen, den Edlen 
und Großen und den übrigen Geistern, 
doch in diesem Vers heißt es ausdrück- 
lich, daß er inmitten der großen und 
edlen Geister stand. Von all den edlen 
Geistern, die auf die Erde kommen 
sollten, war der größte Christus, unser 
Herr, der Erstgeborne, der Sohn Gottes. 
Ein weiterer war der Satan. Ohne auf 
Einzelheiten eingehen zu wollen, sage 
ich nur: Der Satan war ein Morgenstern, 
einer der strahlendsten Geister, doch 
wegen seiner Handlungsweise wurde er 



auf die Erde hinabgestoßen, und er riß 
ein Drittel der himmlischen Heerscharen 
mit sich. 

Weil diese Geister wirklich gelebt haben 
und bekannt waren, — denn Gott kann- 
te sie — haben alle Propheten schon 
lange vor der Geburt Christi auf Erden 
von seinem Werk reden können. Sie 
schilderten die kleinsten Einzelheiten 
aus seinem Leben, seinem Wirken, seine 
Kreuzigung und kündeten sogar an, daß 
man um seinen Mantel das Los werfen 
und ihn töten würde. All das war mög- 
lich, weil Gott ihn kannte. 
Betrachten wir Johannes den Täufer. Sie 
wissen, daß der Engel Gabriel der Elisa- 
bet erschienen war und ihr verkündet 
hatte, sie werde einen Sohn bekommen. 
Er sollte ein Wegbereiter für das Kom- 
men des Erlösers der Welt sein. Hätte 
Johannes nicht zuvor schon als Geist 
gelebt, so könnte man kaum glauben, 
jemand habe vorhersagen können, was 
für ein Geist da auf die Welt kommen 
sollte. 

Jesaja hat gesagt, Gott kenne alle seine 
Werke von Anfang an. Er muß nicht erst 
darauf warten, wie sich alles hier auf 
Erden entwickelt, denn er hat festge- 
setzt, daß bestimmte Absichten erreicht 
werden sollen, und er hat im voraus 
dafür gesorgt, daß dies geschieht, indem 
er bestimmte Geister zu ihrer jeweiligen 
Zeit auf die Erde schickt. Ihr Leben und 
Wirken ist ihm genauso vor ihrer Geburt 
bekannt wie es die Mission und das 
Wirken seines Einziggezeugten Sohnes 
war. Deshalb konnte auch Gabriel das 
Kommen des Johannes und seine Mis- 
sion in der Welt ankündigen. 
Denken wir ferner an die Mission des 
Lieblingsjüngers Johannes, des Apostels 
des Herrn Jesus Christus. Gott mußte 
nicht erst darauf warten, bis des Johan- 



39 



nes Erdenleben vorüber war, um seine 
Mission zu kennen. Johannes hatte sich 
bereits in der Ewigkeit auf die Mission 
vorbereitet, zu der er berufen war. Des- 
halb konnte ein Engel Gottes 600 Jahre 
vor Christus dem Nephi offenbaren, was 
Johannes vollbringen würde (s. INe 
14:20-27). Die Mission eines Patriar- 
chen besteht darin, daß er den Kindern 
des Herrn offenbart, wozu der Herr sie 
hier im Erdenleben berufen hat, damit 
sie sich eine Vorstellung davon machen 
können, was der Herr von ihnen erwar- 
tet. 



Wenn wir nicht wissen, 

wohin wir gehen, gleichen 

wir einem Schiff auf hoher 

See ohne Steuer. 



Im Zusammenhang mit der Mission 
Joseph Smiths, des Sehers und Offenba- 
rers, der mit Mose verglichen wurde (s. 
2Ne 3:9), gibt es eine herrliche Verhei- 
ßung. Er sollte kein anderes Werk tun, 
sondern nur dasjenige, das der Herr ihm 
auftragen würde; dieses Werk, das er 
zustande bringen sollte, sollte durch die 
Macht Gottes vielen Menschen Erret- 
tung bringen (s. 2Ne 3). Wir sehen also: 
Wenn ein Patriarch die Inspiration sei- 
nes Amtes hatte und von Gott erfahren 
konnte, wer Joseph Smith war, so war es 
ihm auch nicht schwer, Joseph die Hän- 
de aufzulegen und ihn mit großer Füh- 
rungskraft zu segnen. Es war ihm nicht 
schwer, denn Joseph Smith war ja, ge- 
mäß der Berufung von Seiten des All- 



mächtigen, zu der ihm bestimmten Zeit 
auf die Erde gekommen. 
Ich erinnere auch an Jeremia, der als 
Prophet berufen wurde: 
,,Das Wort des Herrn erging an mich: 
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, 
habe ich dich ausersehen, noch ehe du 
aus dem Mutterschoß hervorkamst, ha- 
be ich dich geheiligt, zum Propheten für 
die Völker habe ich dich bestimmt. 
Da sagte ich: Ach, mein Gott und Herr, 
ich kann doch nicht reden, ich bin ja 
noch so jung" (Jer 1:4-6). 
Weiß man all dies, so ist es nicht schwer, 
die Mission eines Patriarchen zu verste- 
hen. Der Apostel Paulus hat gewußt, 
daß der Herr die Menschen beruft, be- 
vor sie geboren werden. Betrachten wir 
ein paar Verse aus dem ersten Kapitel 
des Epheserbriefes: 

„Paulus, durch den Willen Gottes Apo- 
stel Christi Jesu, an die Heiligen in 
Ephesus, die an Christus Jesus glauben. 
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, 
unserem Vater, und dem Herrn Jesus 
Christus. 

Gepriesen sei der Gott und Vater unse- 
res Herrn Jesus Christus: 
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes 
gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit 
Christus im Himmel. 
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der 
Erschaffung der Welt, damit wir heilig 
und untadelig leben vor Gott" (Eph 
1:1-4). 

Wir sehen also: Diejenigen, die Gott vor 
Grundlegung der Welt erwählt hat, die 
hat er aus der Welt zu Führern berufen, 
damit sie der Welt ein Licht seien. Ich 
bezeuge Ihnen: Diese Verheißung trifft 
auf die meisten von uns zu, die im neuen 
und immerwährenden Bund geboren 
sind, sowie auf die, welche auf die Stim- 
me der Boten ewiger Wahrheit gehört 



40 



und dieselbe angenommen haben. Was 
aber, wenn vor den Augen aller Men- 
schen unser Licht verlöscht? Was ge- 
schieht, wenn der eine oder andere von 
der Mission abirrt, zu der der Herr uns 
berufen und vor Grundlegung der Welt 
ordiniert hat? Ein patriarchalischer Se- 
gen hat unter anderem den Zweck, daß 
er uns dazu inspiriert, hier im Erdenle : 
ben das Beste zu geben, so daß wir der 
großen Berufung, die wir vor Grundle- 
gung der Erde erhalten haben, würdig 
sind. 

Als Mitglied des Kollegiums der Zwölf 
hatte ich bereits Gelegenheit, mehrere 
Patriarchen zu ordinieren. Der erste, den 



ich ordinierte, sagte: „Ich glaube, ich 
kann dieses wichtige Amt nicht erfül- 
len." Ein paar Wochen nach seiner Ordi- 
nierung erhielt ich einen Brief von ihm, 
darin hieß es sinngemäß: „Ich dachte, 
ich würde es nicht schaffen, doch nun 
habe ich die Worte eines jeden Segens, 
den ich gegeben habe, durchgelesen, und 
ich weiß: das habe ich nicht selbst ge- 
schafft. Es war der Herr, ansonsten wäre 
dies gar nicht möglich gewesen." 
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich die 
Kirche in einem bestimmten Gebiet be- 
sucht und dort folgendes gehört: Zwei 
Jungen gingen zum Patriarchen, um 
ihren Segen zu empfangen. Der Pa- 




41 



triarch kannte einen der Jungen sehr gut 
und zu ihm sagte er: „Ich habe einen 
besonderen Segen für dich." Er segnete 
den anderen Jungen zuerst, dann legte er 
dem, zu dem er gesagt hatte, er habe für 
ihn einen besonderen Segen, die Hände 
auf. Doch er merkte, daß er ihm über- 
haupt keinen Segen geben konnte — er 
fand einfach keine Worte. Schließlich 
sagte er: „Du mußt ein andermal wieder- 
kommen." 

Der Herr zeigte dem Patriarchen, daß 
kein Patriarch für irgend jemand einen 
Segen hat. Der Segen kommt immer 
vom Herrn, und wenn jemand sich selbst 
Ehre verschaffen will und aus eigenem 
spricht — sozusagen aus der eigenen 
Inspiration heraus — , dann hat er nichts 
zu geben. Es ist der Herr, der den Segen 
gibt, und der Patriarch ist nur das Werk- 
zeug, wodurch er es tut. 



Den Kindern des Herrn 

offenbar machen, wozu er 

sie auf Erden berufen hat — 

das ist die Mission eines 

Patriarchen. 



Ich kenne nichts Schöneres als den Se- 
gen, den Mose, und den Segen, den 
Jakob den zwölf Stämmen Israel gege- 
ben haben. Dem Josef wurde ein neues 
Land „bis an die Enden der immerwäh- 
renden Hügel" verheißen; seine Zweige 
sollten „über die Mauer reichen" und er 
sollte „mit dem Segen des Himmels und 
der Erde gesegnet werden". Vielleicht 
haben weder Jakob noch Mose, die den 



Segen aussprachen, gewußt, wo dieses 
neue Land lag, das Gott dem Josef geben 
würde, oder wohin die Zweige des gro- 
ßen Hauses Israel wachsen würden, 
wenn sie sich über die Mauer erstreck- 
ten. Auch ein Patriarch versteht nicht 
jeden Segen, den er gibt. 
Vor einiger Zeit habe ich einen Patriar- 
chen besucht. Er erzählte mir von einem 
Segen, den er einer Frau gegeben hatte. 
Sie war aus einem Missionsgebiet zu ihm 
gekommen. Unter anderem sagte er ihr, 
ihre Vorfahren hätten einen großen Bei- 
trag zur Hervorbringung des Evange- 
liums in diesen, den Letzten Tagen gelei- 
stet. Nach dem Segen sagte sie: „Ich 
fürchte, es ist Ihnen ein Fehler unterlau- 
fen. Ich bin zur Kirche bekehrt worden. 
Ich bin die erste in meiner Familie, die 
sich der Kirche angeschlossen hat." 
„Ich weiß darüber nichts", sagte der 
Patriarch. „Ich weiß nur, was mir einge- 
geben worden ist." Als er mir davon 
erzählte, war sie gerade in der genealogi- 
schen Bibliothek gewesen und hatte her- 
ausgefunden, daß einige ihrer Verwand- 
ten — ihre Großeltern oder Urgroßel- 
tern — in den frühen Tagen der Kirche 
große Opfer auf sich genommen hatten. 
Ein Teil ihrer Familie war in den Osten 
der USA gekommen und dort bekehrt 
worden. Sie fand heraus, daß sie von 
Pionieren der Kirche abstammte. Der 
Patriarch hatte das selbst nicht gewußt. 
Er hatte mit der Inspiration des Heiligen 
Geistes gesprochen. 

Ich war vor einigen Jahren in Arizona 
und der Pfahlpräsident erzählte mir, 
einer seiner Söhne sei auf Mission beru- 
fen worden. Vor der Abreise war der 
Junge zum Patriarchen gegangen und 
hatte einen Segen empfangen. Der Pa- 
triarch hatte ihm gesagt, er solle mit der 
Aufgabe zufrieden sein, die er bekom- 



42 



men werde. Er hatte gesagt: „Du wirst 
zu deiner Rechten und zu deiner Linken 
Fluten sehen, doch dein Leben wird 
beschützt und verschont werden." Ich 
frage Sie: Wie konnte der Patriarch das 
wissen, wenn er nicht vom Allmächtigen 
inspiriert war? 

Ich bin im Haus eines Patriarchen aufge- 
wachsen. Mein Vater wurde im Alter 
von 33 Jahren zum Amt eines Patriar- 
chen berufen. Wir Jungen waren die 
ersten, denen er einen Segen gab. Ich war 
damals acht. Wir waren drei Geschwi- 
ster. Man kann den Wortlaut heute 
nachlesen — das habe ich erst unlängst 
getan. Wer uns drei kennt und den Segen 
eines jeden liest, weiß sofort, wem wel- 
cher Segen gehört, ohne daß er die 
Namen ansieht, die darauf stehen. 
Mein Vater sagte mir, als ich acht war, 
daß ich nicht zufällig auf die Erde ge- 
kommen sei, sondern weil der Allmäch- 
tige es so bestimmt habe. Dann sprach er 
von der Arbeit, die ich beim Aufbau des 
Reiches Gottes verrichten sollte. Dieser 
Segen hat mich immer inspiriert, und ich 
habe immer zum Herrn gebetet, daß ich 
würdig sei, damit nichts, was er für mich 
vorgesehen hat, ungeschehen vorüber- 
gehen muß, weil ich etwa unwürdig wäre 
für das Werk, das er für mich hat. 
Gott segne Sie, damit Sie erkennen, 
woher Sie kommen und welch große 
Möglichkeiten Sie haben. Würde der 
Schleier zur Seite gezogen, so daß Sie ein 
einziges Mal Gottes Absichten in bezug 
auf Sie schauen könnten, dann fiele es 
Ihnen nicht schwer, ihn zu lieben, die 
Gebote zu halten und jeder Segnung 
würdig zu sein, die er schon vor der 
Erschaffung der Welt für Sie bereithält. 
Und ich bitte den Herrn, er möge Sie 
segnen, damit Sie nie unsicher werden 
oder gar versagen. D 



AUF DES 
HERRN 
WEISE 
BETEN 

Stephen L. Law 



„Sie brauchen mich nicht mehr besu- 
chen", sagte Julia Munoz viuda de 01- 
vera, eine ältere Frau, die immer sehr 
nett gewesen war. „Ich besuche Ihre 
Frauenhilfsvereinigung und Ihre Kirche 
nicht mehr." 

Mein Mitarbeiter und ich standen an der 
offenen Tür und trauten unseren Ohren 
nicht. Schwester Olvera war zwar ihrer 
eigenen Religion so sehr verhaftet, daß 
wir wußten: sie würde sich in diesem 
Leben vielleicht nicht mehr der Kirche 
anschließen; doch so eine Äußerung 
hatten wir von ihr nicht erwartet. Sie 
hatte alle Missionarsgespräche ange- 
hört, die Broschüren gelesen, die das 
Evangelium erläutern; sie las im Buch 
Mormon und kam immer zu den Ver- 
sammlungen. 

Wir fürchteten, irgendein Mitglied des 
Zweigs Nueva Rosita in Coahila (Mexi- 
ko) habe sie vielleicht beleidigt, und 
fragten nach dem Grund ihrer plötzli- 
chen Sinnesänderung. 
„Ach, die Mitglieder sind alle sehr nett 
und in den Versammlungen herrscht ein 



43 



guter Geist, und ich fühle mich nach den 
Versammlungen immer sehr gut", sagte 
sie. „Aber ich habe meine Brille verlo- 
ren. Ohne Brille kann ich das Buch 
Mormon und die FHV-Lektionen nicht 
lesen und auch anderes, was Ihrer Kir- 
che Sinn verleiht." 

Wir merkten, daß dies für sie eine erheb- 
liche Schwierigkeit darstellte und daß sie 
sehr niedergedrückt war. Wir versicher- 
ten ihr, daß man auch dann etwas von 
den Versammlungen habe, wenn man 
nicht lesen und schreiben könne. Einige 
Mitglieder der Gemeinde hatten nie le- 
sen und schreiben gelernt. Doch sie ließ 
sich nicht trösten. Ihre einzige Einkom- 
mensquelle -- das Nähen -- war eben- 
falls in Frage gestellt. Für eine neue 
Brille hatte sie nicht genug Geld. Eine 
vom Arzt verschriebene Brille war ein 
Luxus, den man sich einmal im Leben 
leisten konnte und nicht einmal alle ihre 
Nachbarn, die ein volles Gehalt verdien- 
ten, konnten sich eine Brille leisten. 
Ich hatte das Gefühl, ich solle sie auffor- 
dern, zum Vater im Himmel um Hilfe zu 
beten. Ich versprach ihr: Wenn sie das 
täte, würde sie ihre Brille wiederfinden 
und das Leben würde genauso schön 
sein wie vorher. Als wir weggingen, warf 
mir mein Mitarbeiter vor. daß ich ein 
gewagtes Versprechen gegeben hätte. 
Ich aber hatte ein gutes Gefühl dabei 
und versicherte ihm, daß der Herr ihr die 
Bitte erfüllen werde. 
Ein paar Tage daraufkamen wir zurück. 
Sie war noch mutloser als am ersten Tag. 
Hatte sie nicht gebetet? Hatte sie wohl 
mit Glauben gebetet? Sie versicherte 
uns, sie habe inbrünstig und oft gebetet, 
doch ohne Erfolg. Ich fragte sie, ob sie 
auch wirklich darum gebetet habe, der 
Herr möge ihr helfen, die Brille zu 
finden. Sie antwortete, sie habe alle 



Gebete aufgesagt, die sie seit ihrer Kind- 
heit auswendig konnte, und zwar mit 
aller Aufrichtigkeit, zu der sie fähig war. 
Mir sank das Herz, als mir klar wurde, 
daß sie auch nach monatelanger Beleh- 
rung noch immer nicht verstanden hatte, 
daß wir auf persönliche Art beten sollen. 
Die nächsten Stunden verbrachten wir 
damit, ihr zu erklären, wie man zum 
Vater im Himmel spricht: wie ein kleines 
Kind, ohne etwas auswendig zu lernen, 
ohne Gemeinplätze und leere Wiederho- 
lungen. Ihr Gebet sollte vom Herzen 
kommen und sie sollte ausdrücklich dar- 
um bitten, daß sie ihre Brille fände. Wir 
hoben hervor, daß der Erretter unser 
Mittler ist und daß wir jedes Gebet in 
seinem Namen sprechen sollen. Sie fühl- 
te sich aber immer noch zu unsicher — 
wie bisher immer — , um am Ende 
unseres Besuches das Gebet zu sprechen, 
doch sie versprach, sie werde allein be- 
ten, wie wir es ihr dargelegt hatten. 
Ein paar Tage daraufkamen wir wieder. 
Sie begrüßte uns mit der freudigen Er- 
öffnung, daß sie noch in derselben Wo- 
che getauft werden wollte. Erstaunt hör- 
ten wir zu, als sie die plötzliche Ände- 
rung erklärte. Sie hatte demütig gebetet, 
wie wir es ihr dargelegt hatten. Im 
Namen Jesu Christi hatte sie zum Vater 
im Himmel darum gebetet, er möge ihr 
helfen, die Brille zu finden. Nach dem 
Beten war sie aufgestanden und hatte 
sich an die Nähmaschine gesetzt. Ein 
kleiner Hund war durch die offene Tür 
hereingelaufen, hatte sich zu ihren Fü- 
ßen hingelegt und mit etwas zu spielen 
angefangen, was er im Maul trug — es 
war ihre Brille! 

Sie hatte keine Ahnung, wo die Brille 
gewesen war, und den Hund hatte sie 
noch nie gesehen. Doch sie wußte: Der 
Vater im Himmel hatte ihr Gebet erhört. 



Sie wollte sich sofort taufen lassen. All 
die Menschen, die ihr lieb waren, sollten 
von der Freude erfahren, die sie gefun- 
den hatte. 
Ihre Taufe trug bald weitere Früchte: 



Zwei ihrer Töchter und mehrere Enkel- 
kinder wurden getauft. Zukünftige Ge- 
nerationen werden den Namen von Julia 
Munoz viuda de Olvera in dankbarer 
Erinnerung behalten. D 




45 



Unser EMILYS STOLZ 

kulturelles hrbe 

entdecken William G. Hartley 




'& * 'H- 



46 






Es kommt nicht oft vor, daß Jungver- 
heiratete ihre Flitterwochen ver- 
bringen, indem sie mitten im Winter 
zwei Monate lang kampieren. Doch 
Emily Abbot, die 18jährige Braut, und 
Edward Bunker, ihr junger Ehemann, 
hatten gar keine andere Wahl. Unmittel- 
bar nachdem John Taylor, der damals 
Apostel war, sie in Nauvoo als Eheleute 
gesiegelt hatte, flohen sie zusammen mit 
Hunderten anderer Heiliger über den 
zugefrorenen Mississippi nach Westen. 
Es war Ende Februar, man schrieb das 
Jahr 1846. Als Flüchtlinge schlugen sie 
während des langsamen und beschwerli- 
chen Marsches durch Iowa Tag für Tag 
ihr Lager in Schnee und Morast auf. 
In Garden Grove (Iowa) gelang es Ed- 
ward Bunker, eine rohe Hütte mit einem 
einzigen Raum zu zimmern. Es gab 
darin weder Fenster noch Türen, und 
der Boden war nur Lehm — Emily 
Bunker war jedenfalls Besseres gewohnt 
gewesen. Edward Bunker wußte, sie war 
in einer gepflegten Umgebung aufge- 
wachsen. Sie kam aus einem wohlhaben- 
den Haushalt in Dansville (Bundesstaat 
New York), denn ihr Vater war Besitzer 
einer Wollfabrik. Ihre Eltern hatten sie 
auf eine gute Schule geschickt. 
Als Emily ungefähr zehn Jahre alt war, 
zog die Familie nach Westen, um ein 16 
Hektar großes Stück Land in Iowa zu 
bewirtschaften. Dort wurden sie zum 
Mormonismus bekehrt und zogen bald 
weiter nach Nauvoo. 1843 starb Emilys 
Vater, und sie ging zu Nachbarn arbei- 
ten, um bei der Versorgung der Mutter 
und der fünf Geschwister mitzuhelfen. 
Sie arbeitete viele Stunden und wurde 
nach und nach eine gute Schneiderin. 
Beim Schneidern lernte sie auch Edward 
kennen, den sie dann heiratete. 
Das Leben in der Blockhüttensiedlung 



Garden Grove war nicht leicht, und 
Edward Bunker war oft lange unter- 
wegs, um Gelegenheitsarbeit zu finden. 
Manchmal brachte er ein wenig Mais 
heim, manchmal Speck. Als er hörte, 
daß die Armee der USA Freiwillige für 
das Mormonenbataillon suchte, rückte 
er ein, in der Hoffnung, sein Sold werde 
für die Reise seiner Frau nach Westen 
reichen. 

Ihr Mann ging fort und Emily Bunker 
und die Familie ihrer Mutter waren auf 
sich selbst gestellt, bis er zurückkam. 
Innerhalb des nächsten Jahres - bis 
Januar 1847 — sollte die Armut der 
jungen Frau eine Lehre im Hinblick auf 
ihren Stolz erteilen. 

Emily Bunker war eine hervorragende 
Schneiderin und kam sich manchmal 
besser vor als andere, die nicht so gut 
gekleidet waren wie sie. Eines Tages sah 
sie ein kleines Kind, das Kleider aus 
Vorhangstoff anhatte — Satin mit einem 
hellen Blumenmuster auf dunkelblauem 
Hintergrund. Vorhangstoff für ein 
Kinderkleid! Sie übte heftige Kritik an 
der Mutter, daß sie nicht besser für ihr 
Kind sorgte, und schwor sich laut: ,,Ich 
würde mein Kind nie in so ein Kleid 
stecken, und wenn ich es geschenkt 
bekäme!" 

Als aber im Januar ihr erstes Kind zur 
Welt kam, hatte sie nichts, was sie ihm 
anziehen konnte. Niemand im Lager 
hatte etwas, was sie hätte kaufen kön- 
nen. Niemand — außer der armen Mut- 
ter, über die sie geschimpft hatte. Diese 
sagte freundlich zu ihr: ,,Ich habe noch 
ein paar Meter von dem Stoff, aus dem 
ich meine Kinderkleider mache. Sie kön- 
nen gern etwas davon haben." Emily 
Bunker schluckte ihren Stolz hinunter, 

Fortsetzung Seite 50 



47 



Unruhe und Aufregung, Ungeduld 
und zugleich Ungewißheit — das 
waren meine Empfindungen, während 
der Zug unserem Reiseziel zueilte. 
Es war Juni 1961, und ich war mit 16 
weiteren Studenten im Rahmen einer 
BYU-Studienreise nach Quebec unter- 
wegs, um Französisch zu lernen. Am 
nächsten Tag sollten wir ankommen, 
und unsere Erwartung und Spannung 
stieg mit jedem Augenblick. 
Mit meiner Erwartung wuchs auch die 
Angst: ich hatte zwei Schwierigkeiten 
vor mir. Erstens — und das war das 
Wichtigste - - war da die Herausfor- 
derung, die ich verspürte, ein Missionar 
zu sein und das Evangelium beispielhaft 
zu leben. Da die Kirche großes Gewicht 
darauf legte, daß jedes Mitglied ein 
Missionar sein sollte, hatte ich mich 

GESANG 

UM 
MITTER- 
NACHT 

Diana McFarland Brown 



eingehend mit diesem Gedanken befaßt. 
Ich war in einer kleinen Ortschaft in 
Idaho aufgewachsen und hatte von klein 
auf zur Kirche gehört. Fast alle Bewoh- 
ner des Ortes waren Heilige der Letzten 
Tage. Auch die meisten umliegenden 
Ortschaften waren vorwiegend von Hei- 
ligen der Letzten Tage bewohnt, und die 
Kirche stand im Mittelpunkt des gesell- 
schaftlichen, politischen wie religiösen 
Lebens. Von dort kam ich auf die Brig- 
ham-Young-Universität, wo eine wohl- 
tuende Atmosphäre herrschte. So hatte 
ich mit neunzehn Jahren noch sehr we- 
nig mit Leuten zu tun gehabt, die nicht 
der Kirche angehörten. 
Ein paarmal hatte ich Außenstehende 
kennengelernt und ihnen von der Kirche 
erzählen wollen, doch fühlte ich mich 
dann immer zu unsicher und unbehol- 
fen, um das Gespräch in diese Richtung 
zu lenken. Die sogenannten , Goldenen 
Fragen' schienen mir wie ein Klumpen 
im Hals zu stecken, und meine Stimme 
fing an zu zittern, wenn ich mit Überzeu- 
gung etwas sagen wollte. Es fiel mir 
schwer, über etwas zu sprechen, was ich 
so tief im Innersten empfand. Und je- 
mand über seine Religion zu fragen kam 
mir vor wie ungezogene Neugier. Wenn 
dann die Gelegenheit vorbeigegangen 
war, ärgerte ich mich immer. Wenn ich 
mich, wie der Apostel Paulus, „des 



Evangeliums nicht schämte, das eine 
Kraft Gottes ist, die jeden rettet, der 
glaubt" (Rom 1:16) — warum fiel es mir 
dann so schwer, anderen diese gute 
Nachricht zu bringen? 
Die zweite Schwierigkeit war nicht so 
schlimm. Es wurde erwartet, daß wir 
nach der Ankunft in Quebec und der 
Anmeldung an der Universität Laval 
den ganzen Sommer lang nur Franzö- 
sisch redeten. Ich hatte erst ein Jahr 
Französisch gelernt und war von einer 
perfekten Sprachbeherrschung noch 
meilenweit entfernt. Doch meinen Mit- 
studenten erging es nicht besser, und ich 
wußte ja: Schließlich war ich hier, um 
besser Französisch zu lernen. 
Ich war nicht die einzige, die an diesem 
Tag nervös und aufgeregt war. Es war 
dunkel geworden, und die anderen Rei- 
senden hatten angefangen, sich für die 
Nacht einzurichten. Unsere Gruppe je- 
doch war viel zu aufgeregt und erwar- 
tungsvoll, um an Schlaf auch nur zu 
denken. 

„Gehen wir in den Panoramawagen sin- 
gen — üben wir ein paar französische 
Lieder und überhaupt ein wenig Franzö- 
sisch", schlug jemand vor. 
Wir verließen unseren Waggon und gin- 
gen in den anschließenden Panorama- 
wagen. Dieser Waggon hat zwei Ebenen 
— die untere ist wie ein normaler Passa- 
gierwaggon, doch mit weniger Sitzen. 
Über eine Treppe erreicht man die obere 
Ebene, von wo aus man den Blick durch 
die großen, gebogenen Fenster genießt. 
Der untere Teil des Waggons war leer, 
und oben fanden wir nur zwei Passagiere 
vor: eine junge Mutter und ihren wei- 
nenden kleinen Sohn. 
Die Mutter versicherte uns, wir könnten 
ruhig singen, sie habe nichts dagegen, 
und so fingen wir zögernd an — in 



schlechtem Französisch, mit vielen fal- 
schen Akzenten. Unser dürftiges Reper- 
toire an französischen Liedern war bald 
erschöpft, und wie von selbst gingen wir 
zu den vertrauten Melodien und Texten 
unserer Kirchenlieder über. 
Es war tröstend und stärkend, die Lieder 
zu singen, die ich seit meiner Kindheit 
kannte. Ich merkte, daß der kleine Junge 
zu weinen aufhörte, als wir sangen. Bald 
schlief er auf dem Schoß seiner Mutter 
ein. 

Ich weiß nicht, wie lange wir sangen, 
aber ich weiß noch, wie ich wieder mehr 
Mut faßte und meine Überzeugung stär- 
ker spürte, als wir sangen: ,,Ich weiß, 
daß mein Erlöser lebt" und ,,0 mein 
Vater". Ich weiß noch, wie glücklich ich 
mich fühlte, als wir das Lied „Battle 
Hymn of the Republic" sangen. Wir 
endeten mit „Kommt Heil'ge, kommt" 
und als das letzte „Alles wohl, alles 
wohl" verklang, gingen wir langsam aus 
dem Abteil. 

Ich war die erste, die die Treppe in das 
untere Abteil hinunterstieg, und was ich 
unten sah, damit hatte ich nicht gerech- 
net. Dutzende Gesichter blickten zu uns 
herauf. Das Abteil war voll, und die 
Leute standen und saßen sogar im Zwi- 
schengang. Ohne daß wir es gemerkt 
hatten, waren die Leute gekommen und 
hatten uns zugehört. 
Eine Frau, die an der Treppe stand, 
berührte mich am Arm. Sie hatte Tränen 
in den Augen. „Ihr jungen Leute habt so 
schön gesungen", sagte sie, „weil ihr aus 
dem Herzen singt. Wer seid ihr denn, 
und woher kommt ihr?" 
„Wir sind Mormonen", sagte ich. „Wir 
sind Studenten von der Brigham- 
Young-Universität in Provo, Utah." 
„Mormonen", murmelte sie. 
Sie hatte recht: Wir hatten aus dem 



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Herzen gesungen, und im Herzen sang 
ich noch immer. Ich hörte meine eigene 
Stimme fragen : „Was wissen Sie über die 
Mormonen?" 

„Nun, ich habe den Tabernakelchor 
singen gehört", gab sie zur Antwort. 
„Möchten Sie mehr über unsere Kirche 
wissen?" fragte ich. 
„Ja, eigentlich schon." 
„Was mache ich jetzt", dachte ich er- 
schrocken. „Ich habe endlich die gol- 
denen Fragen' gestellt, aber wo fange ich 
jetzt an?" 

Da hörte ich eine ruhige, sichere Stimme 
hinter mir. Ein zurückgekehrter Missio- 
nar aus unserer Gruppe streckte der 
Frau die Hand entgegen. „Vielleicht 
haben Sie schon von Joseph Smith ge- 
hört", sagte er. „Lassen Sie mich von 
ihm erzählen." 

Er schilderte Joseph Smiths erste Vision 
und erklärte, wie das Buch Mormon 
hervorgekommen war. Mehrere Leute, 
die uns singen gehört hatten, blieben da 
und hörten zu, was dieser ernste junge 
Mann aus unserer Gruppe sagte. Einige 
gaben uns ihren Namen und ihre Adres- 
se, damit wir ihnen die Missionare oder 
ein Buch Mormon schicken konnten. 



Mein Herz ging über vor Frieden und 
Freude. Ich hatte die , Goldenen Fragen' 
gestellt, und der zurückgekehrte Missio- 
nar hatte mir gezeigt, wie es weitergeht. 
Erst ein paar Minuten davor hatten wir 
von der ersten Vision Joseph Smiths 
gesungen: „O wie lieblich war der Mor- 
gen . . ." Schon in den ersten Jahren 
lernen die Kinder in der Primarvereini- 
gung die Geschichte von dem Jungen 
„im Gebet auf seinen Knien". Wie kann 
man an jemand besser das Evangelium 
heranbringen, als wenn man ihm diese 
schöne Begebenheit erzählt. Dieses Er- 
lebnis war mir eine Hilfe für den ganzen 
Sommer. 

Später lernte ich, jemand nach den gol- 
denen Fragen' nach Hause einzuladen, 
damit ich ihm einen Film zeigen und ihn 
den Missionaren vorstellen konnte. Ich 
habe gelernt, daß es unzählige andere 
Möglichkeiten gibt, anderen das Evan- 
gelium nahezubringen. Ich denke gern 
an jenen Abend zurück, als wir im Zug 
von ganzem Herzen sangen und nicht 
merkten, daß uns jemand zuhörte. Wir 
hatten in der Tat etwas, worüber man 
singen kann, und unsere Botschaft stieß 
auch nicht auf taube Ohren. D 



Emilys Stolz - Fortsetzung von Seite 47 

nahm den Vorhangstoff und wollte da- 
für bezahlen. Doch die Geberin erwider- 
te: „Ich will nichts dafür. Ich hoffe, Sie 
brauchen den Stoff so sehr, daß Sie 
deswegen keine Tränen vergießen und 
dem Herrn Vorwürfe machen, weil Sie 
nichts Besseres haben." Emily Bunker 
beklagte sich nicht über das Kleidungs- 
stück aus Vorhangstoff, das sie ihrem 
kleinen Sohn machte. Es dauerte lange, 
bis er etwas anderes zum Anziehen be- 
kam. 



Als ihr Mann Edward nach 18 Monaten 
vom Bataillon zurückkam, sah er seinen 
11 Monate alten Sohn zum ersten Mal. 
(Es ist jedoch nicht überliefert, was der 
Junge bei der Gelegenheit anhatte.) 

Als Mutter von 11 Kindern erzählte 
Emily Bunker oft die Geschichte von 
dem Vorhangkleid. Sie wollte ihren Kin- 
dern helfen, auch in Zeiten glücklich zu 
sein, wo Geld und irdische Güter knapp 
sind. D 



50 



DIE KUH 
DES 
NICHT- 
MORMONEN 

Rhoda Lewis Behunin 



Bluewater ist nur ein kleiner Punkt 
auf der Landkarte in der Nord- 
ostecke von New Mexico. Für mich ist 
Bluewater aber ein wichtiger Ort, denn 
ich bin dort geboren und aufgewachsen. 
Damals war das meine Welt, und ich 
habe dort einiges gelernt — nicht zuletzt 
durch das Erlebnis mit der Kuh des 
Nichtmormonen. 

Die Landschaft um Bluewater ist schön, 
wenn auch von einer eher herben Schön- 
heit. Die Gegend ist sehr trocken, und 
ein großer Teil des flachen Beckens ist 
von rotem Staub bedeckt, den der nie 



aufhörende Wind an Zaunpfosten und 
Mauerecken zusammenweht. Das Tal 
ist von einer tiefen Schlucht durchzogen, 
in der nur während der Regenzeit Was- 
ser fließt, ein reißender Bach, von der 
Erde rot gefärbt. Am Anfang dieser 
Schlucht, wo ein Rinnsal von den Hü- 
geln herabfließt, konnten ein paar Pap- 
peln so tief Wurzel fassen, daß sie von 
Grundwasser genährt werden. Sie ste- 
hen so fest, daß ihnen weder Sturm noch 
Dürre etwas ausmachen. Als Kind hatte 
ich gehofft, mein Zeugnis von der Kir- 
che würde einst so fest verankert und 
unbeugsam sein wie diese Pappeln. 
Bluewater war eine Ortschaft, die zum 
Teil den Mormonen, zum andern den 
Nichtmormonen gehörte. Im nördlichen 
Teil wohnten die — wie wir meinten — 
reichen Nichtmormonen. Ihnen gehör- 
ten der Gemischtwarenladen und die 
Autowerkstatt mit Tankstelle. Auch die 
Eisenbahn hatte dort einen kleinen 
Bahnhof, und es gab sogar ein Postamt. 
Im südlichen Teil hatten die Mormonen 
ein kleines Gemeindehaus aus Beton 
und eine vierzügige Schule aus roten 



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Ziegeln. Zwischen den beiden Gruppen 
gab es kaum Kontakt. Die Mormonen 
gingen hinauf in den Laden, um einzu- 
kaufen und zu tanken oder wenn sie zur 
Post mußten. Die Kinder der Nichtmor- 
monen kamen herunter zur Schule, und 
die Erwachsenen kamen gelegentlich zu 
Veranstaltungen oder Tanzabenden der 
Kirche. 

Während der Wirtschaftskrise der 30er 
Jahre lebten wir hauptsächlich von Kar- 
toffeln und Feldbohnen. Zu essen gab es 
nur, was man selbst anbaute. Mama 
konnte aus Kartoffeln und Bohnen re- 
gelrechte Leckerbissen machen, aber in 
Milch verwandeln konnte sie sie auch 
nicht. In unserem kleinen Ort gab es kein 
Telefon, keinen Bürgersteig, kein elek- 
trisches Licht, kein Straßenpflaster - 
und kein Milchgeschäft. Für Dosen- 
milch hatten wir kein Geld. Eine Milch- 
kuh war eine Notwendigkeit für eine 
Familie. Unsere Kühe hatten keine 
Milch und meine Eltern machten sich 
Sorgen wegen ihrer acht Kinder. Ich war 
die Älteste und machte mir auch Sorgen. 
Als ich Mama eines Tages beim Ge- 
schirrspülen half, fragte ich: „Werden 
wir verhungern?" Sie erwiderte: „Noch 
sind wir nicht verhungert, oder?" Das 
wußte ich selbst, doch lechzten wir 
schon nach Abwechslung beim Essen, 
und wir brauchten Milch. Sie redete 
weiter, halb zu sich selbst, halb zu mir: 
„Solange wir unseren Zehnten bezahlen, 
kann ich mir nicht vorstellen, daß der 
Herr uns verhungern läßt. Er hat immer 
für uns gesorgt." Ich wußte: das 
stimmte. Ich wußte auch, daß meine 
Eltern immer einen ehrlichen Zehnten 
für alles bezahlt hatten, was sie bekamen 
- und zwar mit Freuden. Jedes zehnte 
Kalb wurde als Zehnter deklariert. Ich 
sah, wie Mama jeden Tag auf den Kalen- 



der schrieb, wieviel Eier sie an dem Tag 
eingesammelt hatte, und jeden Monat 
ging ein Zehntel davon an den Herrn. 
Ich machte mir keine Sorgen mehr. 
Außerdem war es Frühling, und es wur- 
de schon neu angebaut. 
Eines Tages — es war kurze Zeit später 
— eilte ich vom Schulbus nach Hause. 
Als ich mich dem Haus näherte, sah ich 
meine beiden kleinen Brüder und meine 
Schwester beim Tor stehen und etwas 
anschauen. Es war ein glühender Zigar- 
renstummel. Ich konnte mir nicht vor- 
stellen, wie ein dicker Zigarrenstummel 
in unseren Vorgarten kam. Der einzige 
rauchende Mormone, den ich kannte, 
rauchte Zigaretten. 
„Woher kommt das?" fragte ich. 
Die Antwort versetzte mich noch mehr 
in Erstaunen. „Mister Thigpen hat ihn 
hier weggeworfen." Mister Thigpen war 
der Erz-Nichtmormone. Er war der Be- 
sitzer des Gemischtwarenladens. 
„Was wollte er hier?" 
Auch die nächste Antwort löste das 
Geheimnis nicht: „Er will Papa eine 
Kuh geben." 

Meine Schwester schubste den Zigar- 
renstummel mit der Fußspitze beiseite. 
Wir standen erschrocken da. Aber da 
kein Blitzschlag sie traf und die Erde sich 
nicht auftat, um sie zu verschlingen, 
nahm mein Bruder endlich die Schaufel 
und warf Erde auf den Stummel. 
Vater kam aus dem Haus und zäumte 
das Pferd auf, das im Korral stand. 
Dann kam Mama heraus und sagte: 
„Gehst du jetzt?" 

„Ja, Mister Thigpen hat gesagt, ich soll 
die Kuh holen. Sobald er nüchtern ist, 
überlegt er's sich, aber wenigstens heute 
abend können wir sie melken." 
Er legte dem Pferd den Sattel auf und 
zog den Sattelgurt an. „Ich bin gleich 



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AUG 2 6 1981 



wieder da", sagte er, schwang sich auf 
das Pferd und trabte in Richtung Nor- 
den. Ich war zu verwirrt, um zu fragen, 
ob ich auch mitkommen dürfe. 
Während Mama das Abendessen richte- 
te, machte ich meine Schulaufgaben. 
Diese mußten vor Einbruch der Dunkel- 
heit fertig sein, denn wir hatten kein 
Petroleum mehr für die Lampe. Mama 
legte Holz nach und rührte in den Töp- 
fen, dann schob sie die Töpfe an den 
Herdrand, wo sie warm blieben, aber 
nicht verbrannten. Sie holte das Brot aus 
dem Backofen und stürzte es aus den 
Formen auf die Anrichte neben dem 
Herd. Dann deckte sie den Tisch. 
Und da kamen auch schon die Kinder 
durch das Haus gelaufen, die am Tor 
Ausschau gehalten hatten. „Papa 
kommt! Die Kuh ist da!" Sie liefen aus 
der Küchentür. Mama folgte ihnen mit 
einem Melkeimer. Mein Bruder machte 
schnell das Korraltor auf. Wir sahen alle 
zu, wie die schöne kleine Jerseykuh mit 
dem prallen Euter zierlichen Schrittes 
hineinging. Sie blieb stehen und wartete 
darauf, gemolken zu werden. Keine Pri- 
madonna hatte jemals ein geneigteres 
Publikum. 

Vater molk die Kuh. Wir standen dabei 
und lauschten dem scharfen Singen des 
Milchstrahls, der allmählich in ein wei- 
ches Rauschen überging. Dann gingen 
wir alle hinter Vater her, der mit dem 
Milcheimer ins Haus trat. Er machte die 



Ofenklappe auf, damit es heller würde, 
seihte die Milch ab und stellte den Krug 
auf den Tisch. Mama brach einen war- 
men Brotlaib an und stellte die Kartof- 
feln, die Bohnen und das Brot auf den 
Tisch. Wir setzten uns alle, und Vater 
segnete die Mahlzeit und dankte dem 
Herrn, daß er an diesem Tag so gut zu 
uns gewesen war. 

Mister Thigpen kam in der Tat ein paar 
Tage später zurück. Sein großzügiges 
Angebot ärgerte ihn ein wenig. Er be- 
wahrte aber Haltung und bot Vater eine 
Arbeitsstelle an, damit er die Kuh be- 
zahlen konnte. Darüber hinaus bekam 
er noch Waren aus dem Laden. 

,,Tja", sagte Mama, ,,wir wissen nie, wie 
der Herr uns helfen wird. Ich hätte mir 
nie gedacht, daß ein betrunkener Nicht- 
mormone ein Gebet erfüllen kann." 

Es ist schon Jahre her, daß wir beim 
Schein des Feuers um den Tisch saßen 
und zu Abend aßen, doch ich erinnere 
mich noch genau daran. Inzwischen bin 
ich auf der ganzen Welt umhergereist 
und habe viele köstliche Mahlzeiten zu 
mir genommen. Milch habe ich in pa- 
steurisierter, homogenisierter, pulveri- 
sierter und angereicherter Form genos- 
sen, doch noch nie hat sie mir auch nur 
annähernd so gut geschmeckt wie jene 
Milch damals, die Leib und Seele labte 
und die der Herr uns durch die Kuh des 
Nichtmormonen geschickt hatte. D 



Umschlagbild: Als die Mormoncnpionicre nach Utah kamen, brachten sie eine europäische 
Tradition mit: Sie verwendeten Fenster aus buntem Glas als Gestaltungselement für die 
Kirchengebäude. Am Anfang, bevor sich örtliche Talente in diesem Kunsthandwerk ent- 
falten konnten, bestellte man solche Fenster in New Yorker Werkstätten. Später konnten 
örtliche Künstler Glasfenster für Tempel und Versammlungsgebäude bauen. Das 
Umschlagbild zeigt zwei Beispiele von dem Gebäude, das die Gemeinden Millcreek Eins, 
Drei und Zwölf in Salt Lake City beherbergt. Das Fenster auf der Titelseite stellt den 
Erretter als Guten Hirten dar. (Foto: Marilyn Erd.) 







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